Die Präambel zu Morgen™ – Vorbeben

Manchmal zögerte Gerhard. Aber immer nur dann, wenn es ihm unbehaglich zumute war. Morgen sollte es gewittrig werden und danach wieder trübe. Gerhard hatte vorgesorgt. Seine Bett war frisch bezogen, er hatte sein Kissen mit Lavendel eingesprüht und sein Kuscheltierchen namens Hellebarde gebürstet und auf der Kommode neben dem Bett platziert. Montag war ein wichtiger Tag. Es sollte nichts schiefgehen. Daher rückte Gerhard auch alles gerade. Selbst den Teppichklopfer, der unsichtbar hinter dem Duschvorhang hing.

Gerhard fühlte sich wohl. Alles war an seinem Platz. Er schob seinen prallen Bauch vor sich her und streichelte seine dicken Brüste. Er stellte sich vor, er wäre schwanger und könnte Kinder gebären. Vielmehr noch, er könnte Milch geben. Gerhard war nun sehr erregt und schob seine Hand in seine leichte, seidene Unterwäsche. Nichts regte sich. Er war verwirrt und blickte sich um.
Niemand war im Haus, so daß er sich vorbehaltlos seiner wenigen Kleider entledigen konnte. Als er vollkommen nackt vor dem Spiegel stand, versuchte er sich so zu bewegen, als daß es ihn erregen könne. Nichts geschah. Gerhard war unsicher, ob er sich überhaupt noch befriedigt ins Reich der Träume bewegen dürfe. Er sah sich verstohlen nach anreizendem Material um, als ihm die Telezeitung ins Auge fiel. Auf dem Deckblatt war ein volksmusikalisches Duo abgebildet. Er in engem Frack, sie in einer handelsüblichen Dorfledertracht, aus der die Brüste nur so hervorquollen. Es war schon ein netter Anblick, aber Gerhard fehlte der Pfeffer. Er zündete sich eine Mahagoniduftkerze an und liess das heisse Wachs auf seine Schenkel tropfen. Es tat weh. Und es war nicht richtig. Gerhard
schrie auf und liess die brennende Kerze auf den Haufen Holzspäne fallen, den er zum Weihnachtsbasteln zusammengetragen hatte. Vor Schmerz umherhüpfend bemerkte er nicht den scharfen Geruch, der sich aus der Ecke zu ihm hervorpopelte. Gerhard rieb sich die verbrannten Schenkel und die Tränen in seinen Augen verboten ihm den Weitblick, den er jetzt so dringend nötig hatte.

Dunkler Qualm breitete sich im Erdgeschoß seines Hauses aus und das Feuer zollte Tribut. Gerhard wurde schwindlig zumute und er hustete ganz doll laut und schrie. Aber es war nur ein leises Quieken, was da sich da aus seiner Kehle quälte. Aufgrund der schlechten Sichtverhältnisse hatte er sich bereits im Duschvorhang verfangen und um Halt zu bekommen hatte er sich an der Badeschaumflasche festhalten wollen. Diese hatte sich komplett auf dem gekachelten Boden entleert, auf dem Gerhard wie ein nasser Sack ausrutschte und mit seinem fleischigen Kopf gegen die blanchierte Emailletoilettenschüssel stiess. Blut und Rotz schossen aus Augen und Nase. Gerhard hüstelte und wollte etwas sagen. Da hatte er plötzlich eine Erektion und war froh. Der Morgen konnte kommen.

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