Heldors Weisheit

Geschrieben von Heldor. Unserem Gast.

Heldor hatte sich ins Gras gekauert. Das Unterholz um ihn herum bot exzellenten Schutz und Deckung. Er wartete hier bereits seit 73 Stunden. Warum eigentlich? Das fragte er sich seit geraumer Zeit selbst. Es wird mir schon wieder einfallen, murmelte er. Die Hitze und die Feuchtigkeit waren nahezu unerträglich. Unzählige Ameisen und Mücken hatten sich bereits an ihm verlustiert und machten keine Anstalten von ihm abzulassen. Eine eitrige Beule verzierte sein Gesäß.Da! Ein Rascheln neben der alten Eiche! Ein Rascheln höchst sonderbarer Art: leise und doch kraftvoll, begleitet von bizarren Dissonanzen…
Heldors Aufmerksamkeit war auf dem Zenith angelangt, sein Körper bis in die letzte Faser gespannt.Und tatsächlich. Jetzt fiel es ihm wieder ein. Der Moment auf den er so lange unter Schmerzen und Entbehrungen gewartet hatte. Sollte er wirklich jetzt Realität werden? Hatten die Götter der alten Überlieferung nach Recht gehabt? Ja. ja, ja, ja! Es gibt ihn wirklich!

PEGASUS!

Weiß, groß, majestätisch! Gehörnt! Massiver Muskelansatz und ein Gehänge, welches jeder Beschreibung spottet. Daher kommen die ihm nachgesagten Kakophonien! Wenn ein so massiger Stengel über das Erdengras schleift, dann summt die ganze Landschaft.
„Haltet ein!“, fuhr es aus Heldor heraus. Ich stelle mich Euch in den Weg! Wagt es ja nicht vor mir die Flucht zu ergreifen! Meine Alaun-Klinge würdet Ihr bitter zu schmecken bekommen! Pegasus verharrte. Für ihn sehr unüblich konnte man ein leichtes Lächeln unterhalb seiner Nüstern wahrnehmen. Meine Hochachtung!, höhnte er. Du hast es tatsächlich geschafft mich zu finden. Ein Schauer des Stolzes durchfuhr Heldor. Ja, der Sage nach soll dieses Glück nur sehr wenigen vergönnt gewesen sein. Er, Heldor, war einer von diesen Wenigen. „Ich bin gekommen, um dich zu Töten, Pegasus! du gilst als Landplage, als überholtes Fossil. Du gehörst vernichtet, so wie Deine ganze Brut! Dein Kopf werde ich abtrennen, Dein Horn verkaufen und Deine Mähne wird mein schönstes Kleid sein!“

Jetzt musste Pegasus tatsächlich lachen. „Du Narr! Glaubst du, ich wüsste nicht, wie du tagelang im Dreck gekauert hast? Lächerlich auf den Boden gepresst, in der irrigen Annahme du könntest mich überraschen? Vom ersten Moment an war ich über dich im Bilde! Deine lächerlichen Taten können mir keinen Schrecken einjagen, ich bin gottgleich, ICH BIN DER HERRSCHER DES WALDES!“
Just in diesem Moment brach aus dem Maul des Pegasus ein Schneidezahn heraus. Heldor hatte einen mit Ameisen umwickelten Stein nach ihm geworfen. Die Säure wurde innert Bruchteilen von Sekunden freigesetzt. Das weiße sagenhafte Pferd bäumte sich vor Schmerz auf.
Diesen Moment der völligen Unachtsamkeit nutze Heldor gekonnt aus und rammte ihm einen stumpfen Ast in die Bauchhöhle. Als sei das nicht genug, landete Pegasus beim Herablassen seines Körpers genau eben jenen Ast und stieß den Stock noch weiter in sich hinein. Jäh entfuhr Pegasus ein kümmerliches Bellen. Vor Schmerz zitternd und blind vor Wut rannte er auf Heldor zu, dabei vergessend, dass er noch den Stock in sich trug. Heldor wich aus, zog an der am Stock zuvor befestigten Ahle und brachte damit den gesamten Bauchinhalt zum Vorschein. Gottgleich hin oder her, Pegasus war tot. Kein Röcheln, kein Klagen. Nur Leere in den Augen des angeblichen Herrschers des Waldes.

Verachtend blickte Heldor auf den bereits zu stinken anfangenden Kadaver. „Du willst meiner würdig sein?“, Heldor spuckte vor Pegasus auf den Boden. „Dort wo Du her kommst, gibt es noch mehr. Ich werde euch alle finden und sie dir hinterher schicken. Ab in die Hölle mit Euch! Von dir nehme ich mir keine Trophäe. Du warst mir kein angemessener Gegner. Ich würde mich der Lächerlichkeit preis geben, wenn ich mit deinem albernen Horn, deinem kindischen Schwanz und deinem weibischen weißen Schweif posieren würde.“ Ein Tritt in die Stirnhöhle manifestierte das soeben Gesprochene.

Heldor war zufrieden und enttäuscht zugleich. Der Erfolg machte ihn stolz. Doch wo sollte er jetzt noch eine Herausforderung suchen, wenn selbst ein Gottwesen keinen Widerstand zustande brachte.

Pfeifend ging er seines Weges.

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