Freiwild

sein bruder hatte recht gehabt. wäre er bloss nicht in die stadt gefahren. die leute hier starrten ihn an, als sei er ein aussätziger. dabei hatte er sich redlich mühe gegeben, ordentlich daherzukommen. seine beste hose war frisch gewaschen, gestärkt und gebügelt. er war früh zu bett gegangen und zeitig aufgestanden. nach einem ausgiebigen frühstück machte er sich auf den weg. die glänzenden fassaden der modernen geschäftshäuser bildeten bedrückende kontraste zu den altbauten, die entweder hinter baugerüsten versteckt waren, oder ihre nacktheit durch abblätternden putz schamlos zur schau stellten.

wiederholt kam er an einem dieser geklonten kaffehäusern vorbei. der duft, der aus den offenen eingangstüren kam, war verlockend, aber fausto hielt sein geld mit geballter faust in der tasche fest. es war abgezählt und er war nur aus einem einzigen grund in der stadt. „peter lorimars buchenwald“, einer literaturhandlung mit besonderen werken.

>>Guten Tag, Herr… Entschuldigen sie bitte, ich habe ihren Namen vorhin am Telefon nicht ganz behalten. Aber sie hatten sich durchaus recht eindringlich beschrieben. So habe ich sie gleich erkennen können. Noch bevor sie meinen kleinen Laden betreten haben. Setzen sie sich, nehmen sie platz!<<
Herr Lorimar hiess Fausto willkommen und wies ihn an, es sich auf einem sperrigen, antiken Stuhl bequem zu machen. Ein schwieriges Unterfangen, wie Fausto bei sich dachte.Lorimar zog die Brauen hoch. Er schien erstaunt.
>>Wofür danken sie mir denn, junger Mann? Ich konnte doch noch gar nichts für sie
tun.<<
Fausto räusperte sich. Er hatte die lange Reise über in die Stadt kaum ein Wort gewechselt. >>Ich danke ihnen für ihre Zeit. Niemand hat mehr Zeit heutzutage. Alles geht so schnell. Sie entschuldigen. Mir ist etwas schwindlig.<<
Vorsichtig fügte er hinzu: >> Diese vielen Menschen da draussen.<<
Herr Lorimar stand wortlos auf und brachte ihm ein Glas Wasser. Es war frisch und kalt und Kondenstropfen perlten an der Aussenseite ab. Fausto trank hastig. Lorimar zog ein großes, in Leder gebundenes Buch aus dem Regal hinter ihm. Er strich beinahe zärtlich über den Einband und legte es langsam und behende auf den Tisch.
>>Sie suchen dieses Buch.<<  sagte er eindringlich. Fausto wischte sich den Mund mit seinem Hemdsärmel ab und senkte den Blick. „Über die Waldbewohner –
Legenden und Wahrgeschichten“ stand auf dem Deckel in goldenen Lettern und gebrochener Schrift.
>>Sie müssen es nicht bezahlen, sie müssen mit mir auch nicht über den Grund reden, sie müssen sich nicht rechtfertigen – sie müssen mir nur versprechen, das ich sein Herz bekomme.<<
Fausto war nun gänzlich seiner Stimme beraubt. Er verstand nicht so recht, schluckte kurz und nahm dann mit einem kurzen Nicken das Buch in Empfang. Die Worte in dem Buch, das wusste er, würden ihm eine mächtige Waffe sein. Er weinte. Er war nicht traurig, er hatte nur Mitleid mit IHM.

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