Chinapfanne (Neuaufladen trotz starker Nachfrage)

böser wolf hin, böser wolf her. schapfspelze im ausverkauf letzte woche. die zeiten haben sich geändert. „wohin des weges?“ darauf sprang wirklich keine mehr an. nichtsdestotrotz. den roten fusel trank er immer noch genau so gerne wie die erste flasche. bitte nicht zu teuer, denn wie zum teufel soll man denn so richtig „hacke“ (volksmund) werden? frohnaturen waren sein hobby, verlorene seelen sein beruf. ach ja, man vergesse nicht das töpfern und die zwei stunden, die er in der woche  bei seinem wienerischen psychiater seiner wahl auf der barocken ledercouch verbrachte.


dennoch – irgendwie war er nie so richtig zufrieden und auch nie so recht ungehalten über den jetzigen zustand seines lebens. wenn er es recht bedachte, hatte er alle möglichkeiten offen. gut, der schmerbauch war ein kleines makel, den er aber mit sitte und anstand geradeheraus trug und offen zur schau stellte. das konnte nicht jeder. er schon. ein mannsbild mit stil. das kam nicht von ihm, das hatte man hinter vorgehaltener hand hinter seinem rücken geflüstert, begleitet von jugendlichem kichern und aufsteigender schamesröte.er dachte nicht mehr länger darüber nach. es war sonntag und er hatte gerade seine hände tief in den opferstock gesteckt. er wühlte gedankenverloren darin herum. taschengeld für die allabendliche göttliche kehlspülung. nun musste er doch ein wenig grinsen. aus dem augenwinkel bemerkte er, wie ihn eine junge nonne beobachtete.
sie hatte ein rundes, ansehnliches gesicht und sah ihn keinesfalls vorwurfsvoll an. wie sie da so den rechten mundwinkel zu einem kleinen, spöttischen lächeln nach oben zog – das entsprach so gar nicht den lehren der katholischen schulen, die sie besucht haben musste.
erst jetzt sah er ihre augenklappe. er schürzte seine lippen und schlenderte lässig in ihre richtung, blickte dabei aber scheinbar desinteressiert in alle himmelsrichtungen. das hatte james cagney in einer dieser alten gangsterfilme auch mal gemacht, dachte er sich. das kommt bei nonnen und hausfrauen gleichermaßen an.

die nonne, sein wirres gegucke richtig (was ist schon richtig?) interpretierend, rannte auf ihn zu und säuselt ihm folgendes in seinen gehörgang: „wir unterbrechen die sendung für ein bisschen werbung in eigner sache: treten auch sie der heiligen kirche des du bei. bei du darf keiner machen, was ein anderen will, es sei denn, der anderen meinung ist von solch unterdrückter natur, das sie einer heiligen sache – was immer noch im auge des betrachters lag – gleich kam. jedenfalls, mein freund, kann man bei du, was im weitesten sinne eigentlich uns heißt, sich selbst, was ja für andere gewissermaßen du bedeutet, eine laufbahn einschlagen, eine großartige. du also, reflexiv gesehen ich, wenn ich du wäre, kannst dir ja mal, also sie, wir sind ja nicht per du, überlegen ob wir nicht etwas für uns, also für dich, gewissermaßen sie, wären.“

er haderte nicht lang. nicht mit sich selbst und erst recht nicht mit der rabenschwarzen bibelfrau. „ein gläschen absynth™ schw…?“ gerade noch rechtzeitig schaffte er es mitten im wort inne zu halten. er wusste was erwartet wurde. er wusste ebenso genau was seine person erwartete. vor allem wenn ihn begehrender hunger plagte. jener war so unermesslich groß geworden, dass er manchmal schon dachte, dass er diesen begriff pachtete. das augenklappen-fräulein wich seinem blick aus und richtete ihren scheuen blick gen boden. es war schon abend und sie wollte heute unbedingt noch in die klosterküche, um nach dem holunderschnapps zu sehen. „ein gläschen, zwei, drei…“ die natur gab und sie würde nicht ablehnen. das kann beim besten willen keine sünde sein auch wenn die
knochenharte schwester gundehla ganz anderes behauptete.

sie sah sich um, er drehte seine hüften gen ihren, die hand ans gesäß. so schlenderten beide flugs aus den heiligen hallen der kirche in das gleissende sonnenlicht der sünde.
er wollte es wissen. er war ein mann, der einfach nur mann sein konnte. sie spürte dieses verlangen auch, obgleich sie dem du und dem wir, als auch dem uns und dem dich verschrieben war. trotz allem, da sie schon wegen ihrer beinahe makellosen schönheit innert der nonnenschaft geächtet wurde und obendrauf, ja – obendrauf! diese liderliche augenabdeckung tragen musste, was scherte es dann das du ich wir uns du uns, wenn sie ein wenig zucker, ein bisschen honig, ein quäntchen zuneigung in ihrem schnöden leben bekam? er strich sich über sein bäuchlein und hielt sie fest, aber nicht unangenehm im arm, als der glockenturmmann an der pforte zum kirchengarten erschien und rasselnd hustend kicherte.

herangaloppierend, sensenschwingend, zeter und mordio schnaufend kamen die reiter der alkolakypse den beiden näher, sie hatten auf ihrem sünden-sonar bereits früh einen ausschlag sondergleichen ausmachen können und ließen sich nicht zweimal bitten, wenn es darum ging – ähnlich wie david hasselhoff – für recht und ordnung zu sorgen. in voller kampfmontur, die eigentlich nur aus baströckchen und einer piratenmaske bestand (das budget ließ nichts besseres zu),  erschienen sie im rücken der beiden, überrannten sie fast und fällten den glockenturmmann wie eine alte eiche mit ihren morgensternen. langsam und zufrieden drehten sie sich zu den beiden, die sich vor angst und schande auf dem boden kauerten, und schrien (mit verstellter, weibischer stimme): „der drecksbanause liest oben in seiner kemenate schmuddelheftchen, soooo ja nun nicht. beim besten willen und mit neunmal auge zugekniffen nicht. nö nö nö!“

der anfängliche schock, der ihm in die glieder gefahren ist ob der düsteren  keulenschwingenden rabauken, verebbte nach einer kleinen weile nur. er sprang behände auf, schiebte seinen schmerbauch leicht zur seite und zückte gleichzeitig und behende sein in bronze – nicht kupfer – gegossenes schweizer messer. „halunken, ihr seid doch nichts als junge aufmüpfige banausen. vermag euer mikriger verstand das vor euch heilig liegende nicht zu begreifen?“ sein puls raste. seine augen weiteten sich vor zorn. seine passion für körpersymphonien in hochglanzoptik und die damit verbundene solidarität zum glöcknermann waren des zornes beweggründe. das schwarze fräulein machte sich im grunde doch ganz gut auf dem erdboden. diese bittersüssen gedanken vermochte er jedoch diesmal zu verschweigen. er fuchtelte ein kühnes „w“ in die luft und schrie gegen den lauen herben abendwind an „macht dass ihr weggkommt bevor meine milde den rachegelüsten weicht!“

schnipp schnapp zappzerapp – soviel elan hatte er lange schon nicht mehr in sich gespürt. er führte das messer behände in gurgel, augen, schienbein und auch bäuche. er zerschnitt die biblischen retter des anstandes, um seinen heutigen gewinn wohlbehalten in die seinigen vier wände zu geleiten. besudelt  von flüssigkeiten, deren herkunft er nicht erfahren wollte, blickte er sich um. niemand stand dort, um ihn ob seines sieges zu beglückwünschen. niemand fiel ihm sehnsüchtig in die arme. niemand schaute ihm dankesvoll in die augen. er blickte auf den boden.
zwischen all den überbleibseln menschlicher und nichtmenschlicher ritterschaft fand sich auch eine schwarze, mit undefinierbarer flüssigkeit getränkte augenklappe.

er schluckte. nur kurz..
reiss dich am riemen, mann!
sein schweizer messer auf den boden richtend, schritt er mit gesenktem kopf der abendsonne entgegen.

zumindest hatte er jetzt genug geld in der tasche, um seinen geist für die nächsten 4 stunden zu betäuben.

das ende von du und ich, von uns und dem, was wir allgemeinhin als WIR bezeichnen, mag uns zu dieser stunde als verworrene, ja phantastische, verunglimpfung des glaubens, der bekundungen einzelner an eine sache, derer WIR UNS öfter im unklaren sind als DU und ICH es eigentlich aushalten. ER jedenfalls macht darum sicherlich kein großes brimborium.
er weiß es viel, viel besser als WIR. ICH für meinen teil habe heute etwas gelernt: nicht nur macgyver kann mit dem taschenmesser umgehen und der glöckner ist nicht immer der unschuldige bucklige.

denkt mal drüber nach.

doktor focks – miss marzipan – dr. klaus feratu, berlin im september 2006

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