Kinderkrankheit

der himmel wollte einfach nicht mehr ergrauen. seit wochen schon herrschte bestes klima vor, die sonne erhob sich gegen halb fünf über den horizont und erhellte die folgenden tage mit ihren mandaringetränkten strahlen. vögel, insekten und getier labten sich an der warmen luft und ließen dem spieltrieb freien lauf. alles schien in einer art von außen induzierter fröhlichkeit zu ersticken.
es war beinahe so, als ob eine unbekannte macht versuchte, die griesgrämigkeit von der ganzen welt zu verbannen. und anfänglich gelang dies auch. wohlgefärbte leiber lachten aus pausbäckigen gesichtern einander zu. eng umschlungen versanken pärchen im blütenstaub einer frühlingswiese. mütter, väter und kindsgefolge sprangen übermütig umeinander. selbst büroangestellte lockerten ihre graue einheitstracht mit bunten seidenkrawatten auf oder kamen gar mit brüllenden blusen zur arbeit.

kaum noch sah man falten in den gesichtern der menschen, die auf ein grübeln oder gar unzufriedenheit schließen ließen. die welt ertrank im freudentaumel. gesättigte farben wohin das auge blickte.
ein paradies hätte nicht gleichsam beschrieben werden können. aber etiketten interessierten hier niemanden mehr. alle labten sich an der unausgesprochenen euphorie.

doch nach einiger zeit zeigten sich die ersten veränderungen.

die frau von gegenüber hatte plötzlich keine kraft mehr in den gesichtsmuskeln. ihr gesicht zerfiel in einen grauenhaften lappen aus rosiger haut, der an ihrem schädel umherwaberte. kraftlos versuchte sie trotz allem, zu lächeln. denn es war ja sonst alles schön! doch sie machte ihr antlitz damit nur noch schlimmer.und sie war nicht die einzige. bald gab es keine schönheit mehr im land. der stete drang nach bewegung ließ die menschen als auch die tiere letztendlich an ihre grenzen stoßen. niemand war mehr in der lage, sich über einen längeren zeitraum zu bewegen. alles lief verlangsamt ab. alles hing schlaff und kraftlos, taumelnd und dennoch bemüht, positiv nach vorn zu blicken. kinder stolperten über
eingegangene katzen, die zuvor im spiel vor kläffenden, ausgemergelten hunden geflohen waren. in den parks türmte sich vertrocknetes getier, was über der ganzen glückseligkeit vergessen hatte, wasser zu sich zu nehmen. straßenmusikanten zupften kraftlos an ihren banjos und entlockten ihren instrumenten verstimmte töne. dabei verzogen sich ihre weichen gesichter zu garstigen kopien echten lächelns.

bald fiel alles in sich zusammen. nur die sonne erstrahlte jeden tag auf’s neue.

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