Die Historie des Dünnen

„Der Dünne kam aus einer armen Familie, die am Waldrand wohnte…“, so begann Garbors Geschichte, die er an einem lausig kalten Abend auf der kleinen, hölzernen Veranda zu erzählen begann. Er rieb sich die Hände und hielt seine schwieligen Hände über dem Feuer, das in dem neuen Kugelgrill brannte. Die beiden Männer, die ihm Gegenüber saßen waren in ihren Vierzigern, hatten feine Gesichtszüge und froren offensichtlich. Sie verzogen nicht eine Miene, obwohl sie schon seit mehr als einer Stunde der detailreichen und reich geschmückten Geschichte lauschten, die ihnen Garbor zum Besten gab. Der Linke, nennen wir ihn der Einfachhalt halber Terrence, rauchte und sah ab und zu drängend zu seinem Kollegen hinüber.

Der Rechte, ein dicker, trotz der Kälte schwitzender Mann, nennen wir ihn Philipp, hob dann beschwichtigend seine linke Hand, an der ein aufdringlicher Siegelring protzte, und bedeutete Terrence sich ruhig zu verhalten. Garbor fuhr fort: „Er war ein Einzelkind, seine Mutter wollte nach seiner Geburt nie wieder die Strapazen der Namenswahl erleben müssen und brachte ihm früh bei mit den Unsichtbaren der Umgebung Kontakt aufzunehmen. Die Unsichtbaren bestanden aus vier Kindern: Schnabou, Dabou, Fnibou und Pitz. Die Mutter des Dünnen brachte sie immer durcheinander, worüber sich ihr Sohn und die Unsichtbaren immer köstlich amüsieren konnten. Sie lief dann mit hochrotem Kopf in die Küche und schrie: »Das habe ich nun davon, dass ich euch miteinander bekannt gemacht habe. Ihr undankbaren Bengels. Wie damals, als ich Marcy den Job als Sekräterin bei uns verschafft habe. Nichts als Ärger habe ich mit ihr gehabt. Und jetzt? Jetzt ist sie meine Vorgesetzte.« Alle wussten das es eine Marcy nie gegeben hatte und dann mussten sie lachen. Meist gab es dann Kuchen mit Schlagsahne und sie spielten Mensch-ärgere-dich-nicht oder Canasta.“

„Ja, Herr Garbor, das ist eine wirklich interessante Geschichte, die Sie uns da erzählen… und wir würden sicherlich gerne noch ein bisschen bleiben, nicht wahr, Terrence? Aber wir müssen wirklich los, es ist schon dunkel und sie hatten jetzt doch ausreichend Zeit, sich von der Qualität unseres neuen Kugelgrills zu überzeugen. Ich kann ihnen auch mit dem Preis noch ein wenig entgegenkommen, wenn…“, sprach der dicke Philipp ihn ruhig an.

Garbor starrte in die Ferne und lächelte. „Ja, ja, natürlich, sie müssen los. Den Grill behalte ich gerne. Also, wenn er mir nicht gefällt… dann kann ich ihn doch innerhalb der nächsten 14 Tage zurückbringen, oder?“

„Natürlich können Sie das, Sie sind doch einer unserer besten Kunden, nicht wahr, Terrence?“ preschte Philipp vor und pellte sich behäbig aus seiner Decke. Terrence stand bereits und hielt einen kleinen Rechnungsblock mit Kohlepapier in seiner perfekt manikürten Hand und reichte Philipp den soeben ausgefüllten Schrieb.

„Hier, Herr Garbor, die Rechnung, bewahren Sie sie gut auf. Wenn sie innerhalb der zweijährigen Garantiezeit mal Probleme haben sollten — wovon wir natürlich nicht ausgehen — brauchen Sie die noch.“ sagte dieser.

„Danke, Philipp, vielen Dank. Hier ist das Geld. Der Rest ist für Sie und Terrence. Kaufen Sie dem armen mal ein Comic oder so. Der lacht ja nie. Und grüßen Sie Rita von mir. Gute Nacht… gute Nacht.“, antwortete Garbor, während er über die Veranda hinweg in den Sonnenuntergang blickte. Die beiden stiegen in ihren Wagen, einen schwarzen Oldsmobile 442, und fuhren langsam vom Hof. Garbor konnte erkennen, wie sich Philipp noch umdrehte und ihm winkte.

„Zeit für Shigeru Umebayashi“, sagte Garbor leise und legte den Tonarm auf die Platte.

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