Bones

Der Dünne starrte in den Schatten als er sich langsam um die Ecke wund. Er atmete tief ein, blinzelte stark und vergrub seine Fäuste in der Weste, die er an dem kühlen Frühlingstag trug. Es war ein nichtsnutziger Nachmittag, ein Ostermontag an dem man bereits am Nachmittag anfing zu trinken, an dem man über Freundinnen von Freunden lästerte, die europäische Politik, über sozialgesellschaftliche  Themen und den nächsten Rotwein sinnierte, bevor die Sonne sich erdreistete unterzugehen. Bevor der Wodka anfing sich in den den Körpern der Beisitzer zu manifestieren wurden Versprechen abgegeben, Treuschwüre erneuert und Gelächter über den Innenhof getreten. Der Dünne atmete schwer bevor er den Hochhauskomplex erreichte und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er dachte an damals und die Art wie seine Mutter ihn am frühen Abend vom Balkon der Siedlung nach Hause rief und er die Mahnungen ignorierte. Wie er ihn die dunkle Nacht hinabglitt und sich dem Leben der … ach komm.

Bei aller Liebe. Der Dünne? Ein Sprücheklopfer und Gernegroß. Nachts kam er heim und eilte schnellen Schrittes die tiefen Hochhauschluchten herab, immer mit einem Auge am Hinterkopf, mit einer Hand am Messer oder der Schreckschusswaffe. Immer bereit seiner eigenen Brutstätte den Rücken zu kehren, den dunkelhaarigen Schaben der Nacht mit bibberndem Antlitz zu entfliehen. Der Dünne.  Der Dünne.
Nachts lag er wach und sobald die Amseln ihr morgendliches Lied verkündeten stand er am Fenster seines Hochhauses und starrte in die Ferne. Fühlte sich eingeengt und zugleich zutiefst verbunden mit den hochgeschossenen Wänden seiner Jugend. Die Kindheit im Viertel machte den Dünnen zu dem was er war: Ein ängstlichen und dennoch entschlossenen Mann, der sich schwor niemals an diesen Ort zurückzukehren, an dem er noch immer zu Hause war. Das Viertel, das mit zunehmendem Alter immer kleiner und dreckiger, immer weniger bedrohlich und arm, immer ferner und vertrauter wirkte. Das Viertel, das dem Dünnen bei seinem letzen Besuch Tränen der Seltsamkeit abrang.  Das Viertel an das er sich kaum erinnern und das er doch niemals vergessen konnte.

P.S.: Ich bin ziemlich besoffen. Also Du. Also der Dünne. Altern–Antenne, ey.

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