Präludium zu: Neues vom Nibbler

Der Nibbler stand auf den Stufen des Hotels, zog eine Zigarette aus dem Softpack, die er seit kurzem immer in seiner linken Westentasche hatte und zündete sie sich an. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann oder warum er wieder mit dem Rauchen angefangen hatte — aber er hatte es. Er dachte daran, wie er früher geraucht hatte, immer und überall. Dieses Mal hatte es den Anschein, als würde sich jedes Mal, wenn er sich eine Zigarette anzündete die Welt verändern. Oder die Welt ihn verändern. Oder eine veränderte Welt ihn zum rauchen zwingen. Jedenfalls rauchte er wieder. Nie wenn es zu warm war. Niemals vor dem Mittag. Immer wenn er trank oder Karten spielte. Und immer, wenn er jemanden observierte. Er war dem Dünnen seit vier Tagen gefolgt. Seit dem Zeitpunkt als sich der Dünne in das Flugzeug in Berlin gesetzt hatte und schließlich hier, auf dieser kleinen Insel, von der er noch niemals vorher gehört hatte, gelandet war. Das Taxi zum Hotel Pingouin folgte dem des Dünnen auf exakt 23 Metern Entfernung.

Das Hemd, was er heute morgen aus seiner Tasche gezogen hatte, war das einzige weiße Hemd was er bei sich hatte. Eigentlich war es das einzige was er überhaupt hatte. Außer dem Softpack, dem Telefon, dem Geld, dem Miniaturgeländewagen, den er als 21-jähriger geschenkt bekommen hatte, und dem was er noch am Körper trug. Aber er hatte es sich angewöhnt, immer ein frisches, weißes Hemd bei sich zu tragen. Man konnte nie wissen. Eines Tages wird man auf einen Empfang eingeladen und muß absagen, weil man kein Hemd bei sich hat. So etwas würde sich der Nibbler niemals verzeihen. Er fragte sich, ob er Dünne auch so dachte. Ob der Dünne überhautpt dachte, ob der Dünne nur von seinem Instinkt geleitet war. War das nicht aber auch denken? Der Nibbler lachte in sich hinein, leise genug, so dass die dicke Frau neben ihm, mit dem abscheulichen Blumenkleid und den viel zu kleinen Socken, die ihre Stummelbeine einschnitten, es nicht hören konnte. Oder hören können wollte. Denn, wer den Nibbler kannte (von Fotos, zum Beispiel), der wusste, dass der Nibbler beim lachen ein so unendlich ernstes Gesicht aufesetzte, dass noch niemand auf die Idee gekommen wäre ihn zu fragen, was denn so witzig sei. Das Lachen des Nibblers zwang auch die Menschen in seiner näheren Umgebung dazu, leise in sich hinein zu lachen. Obwohl sie unmöglich das Lachen hätten vernehmen können. Oder auch nur an lachen gedacht haben konnten — bei dem eiskalten Blick des Nibblers? Völlig fehl am Platz!

Der Nibbler setzte sich in Bewegung. Der Dünne hatte sich gerade zwei Kugeln Eiscreme gekauft (wahrscheinlich Mango und Schokolade, wie immer) und macht sich auf den Weg zum Strand.

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