Mut in seiner reinsten Form

Garbor saß auf dem Stuhl, den er sich selber mitgebracht hatte. Er hasste es, wenn er in der Tram stehen musste. Stehen war etwas für alte Leute, besonders welche, die den Krieg noch mitbekommen hatten. Davon gab es nicht mehr besonders viele. Naja, wie dem auch sei, Garb saß jedenfalls auf seinem La Marie Stuhl von Phillipe Starck und schälte eine Mandarine. Er mochte den Geruch, der beim Schälen entstand, er mochte es, wie seine Finger danach rochen, aber die Mandarine aß er nie. Er sah das schöne Mädchen erst auf den zweiten Blick und bemerkte wie sie ihn anlächelte. Er überlegte erst noch die Mandarine zu ende zu schälen, stand dann aber auf und legte sie auf den Stuhl. Das hätte ein sehr schönes Hipster-Foto abgegeben — „Alleingelassene Mandarine in Tram/ Ich musste es tun“ schrieb er in Gedanken unter das Foto, was innerhalb von 3 Tagen 714 Mal auf Tumblr reposted werden würde. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und ging zu dem Mädchen hinüber und sprach sie an:

„Hallo, ich bin Garbor, ich bin Erfinder.“
„Ach, Erfinder? Ich bin Annalenamarieluise. Was erfindest Du denn so?“
„Dich.“

Garbor saß auf seinem Stuhl unter der Brücke und las die nächste Seite in seinem selbstverfassten Ratgeber „Wie man vollkommen normal erscheint“ und schüttelte die Mandarinenschalen von seinem Parka. „Auf nach Mitte, Garbor, auf nach Mitte, es gibt so viel zu entdecken“, wollte er gerade denken, aber dann kam das Mädchen aus der Tram um die Ecke, winkte ihm zu und stand auf einmal direkt hinter ihm.

„Was erfindest Du wirklich, Garbor?“
„Mich.“

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