Komm gut heim

“Wenn ich doch nur Zigaretten hätte”, dachte sich Garbor. Er spuckte aus und ging über die Straße, trat in ein paar Pfützen und sah nach links auf die Anzeige: “15 Minuten? Sind doch nicht in Bielefeld!” Er ging weiter, über die nächste Kreuzung, am Rossmann und am Blumenladen vorbei, am Fischladen und dem Spielcasino, die nächste Kreuzung und die nächsten Pfützen, vereinzelt Menschen, die alle vor dem Regen davonliefen. Garbor ging so gemächlich wie es nur ging, Tua auf den Ohren, die Lautstärke auf Maximum.

Vor einer Viertelstunde hatte der Dünne angerufen “Auf in die Bar, auf die Bar, Du verlorener Sohn, ich ertrage das alles nicht mehr ohne Dich”, hatte er ihn angeplärrt. Kurz noch im Impala vorbei und einen Kaffee holen? Auf nüchternen Magen schmeckt Grasovka einfach zu krass. Komischerweise hatte der Laden noch offen, obwohl es bereits weit nach 27 Uhr unter der Woche war. Er war der einzige Gast im Café und das blondbrünnetschwarzhaarige Mädchen sah ihn verwundert an.

“Garb, warum brauchst Du ein Hirngespinnst als Ausrede, wo Du doch selber schon eins bist?”
“Ein Hirngespinnst oder eine Ausrede?”
“Beides.”
“Ja, gerne.”
“Zucker ist da v…”
“Vorne, ich weiß, danke.”
“Komm gut heim, Garb, komm gut heim.”
“Ich geh gar nicht heim, i…”
“Treff mich noch mit dem Dünnen?”

Plötzlich war das Mädchen der Dünne, das Café war die Bar, Garbor war das Mädchen, der Zucker war im Kaffeepulver und beide prosteten Garbor zu, der hinter der Bar stand und Gläser putzen wollte. Jetzt musste er mit den beiden Russisch Koks trinken, das hatte er davon. Er konnte dem Dünnen keinen Gefallen ausschlagen. Jedenfalls keinen, der mit Grasovka zu tun hatte. Wo gabelte dieser Kerl nur immer die Mädchen auf. Und keines von denen hatte er jemals einen Satz mit mehr als fünf Wörtern sprechen hören. Nur so freundliche Floskelscheiße wie “Ja, gerne.” und “Quatsch!” oder “Hahaha, Du bist aber witzig.”

Garbor schlug dem Dünnen mit der Flasche mitten ins Gesicht und fiel vom Tresen. Er kippte zur Seite und schlug mit dem Kopf sanft auf das Kissen auf. Er blutete aus der Nase und fuhr sich mit dem Handrücken über die schweißnasse Stirn, stand auf und setzte sich vor den geöffneten Eisschrank. Er buddelte die Erbsen zur Seite, die Kartoffelsuppe und Shrimps, bis er die Flasche mit dem Kaffee fand. Er nahm einen großen Schluck, zog sich den Bademantel über und ging auf den Balkon. Der Dünne legte seinen Arm um ihn und flüsterte ihm ins Ohr:

“Du musst jetzt wirklich los, Garbor, es wird Zeit.”
“Ich weiß nicht, ob ich das schaffe… ich”

Doch da stand der Dünne bereits in der Gondel des Heißluftballons und winkte ihm. Er trank die Flasche Grasovka aus und wischte sich die restlichen Scherben aus dem Haar, während der Ballon langsam an Höhe gewann. Garbor lächelte leise vor sich hin, während er sich größte Mühe gab, sich nicht an morgen zu erinnern.

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