Salzwasser

Manchmal, da sitze ich einfach so in meinem Stuhl und gucke so auf den Beton hinaus, gucke den Tauben beim Schlafen zu, lache über die Kinder am Spielplatz oder esse einfach nur eine Portion Pasta im Midi und dann überkommt es mich. Ich lache dann ganz doll, weil ich so tue, als wäre alles so wie vorher. Alles so, wie ich immer gedacht und gewünscht habe. Aber ich weiß (ganz ehrlich) nicht, was ganz vorher so war. Außer ein bisschen Musik und Starren. Und dann denke ich wieder, war es eventuell schon immer so? Nur eben nicht mit diesem seltsamen Beigeschmack, mit diesem fahlen Geschmack?

Als ich 16 war und in meinem Bett gelegen habe, habe ich mir beim Einschlafen gewünscht, dass mein Leben ungefähr so wäre wie jetzt. Bisschen mehr prollige Autos und weniger Langzeitbeziehungen eventuell. Aber ich wollte unabhängig sein und meine Freunde sehen und immer das tun, was ich mag. Jetzt habe ich den Salat. Ich erinnere mich außerdem, da war ich gerade nicht mehr arbeitslos und 25, da habe ich mit Adrian in seinem Auto vor meinem Haus gesessen, und wir haben uns ausgemalt, was wohl wäre und wie wir wohl wären, wenn wir denn 30 sind. Und wir haben gesagt, 30, das ist noch lange hin. 5 Jahre. Da packen wir noch so Einiges. Und wenn wir es bis dahin nicht gepackt haben, dann kidnappen wir ein Flugzeug und düsen weg. Dann ab in die Südsee und ins Meer und dann machen wir Schluß. Einfach weiterlaufen, bis sich die Lungen mit Wasser füllen und wir einfach… weg sind. Na gut, ich habe das gesagt. Ich glaube, Adrian war nie so dramatisch veranlagt wie ich.

Ich bin jetzt 33 und habe das Verfallsdatum erfolgreich überschritten… überstanden eher. Ich hatte mit 30 andere Probleme als es nicht zu schaffen und mit 33 schon gar nicht. Theoretisch. Probleme hat man immer, aber die, vor denen ich früher immer Angst hatte… die sind es nicht geworden (jedenfalls nicht alle). Kein Grund also für die Südsee und Lungen voller Salzwasser und Pathos und Schwüre.

Ich vermeide mit aller Kraft, nicht daran zu denken, dass nichts so wirklich schlimm und doof ist und ich alle Möglichkeiten der Welt habe. Weil mich Möglichkeiten und Erwartungen von innen auffressen. Ich kann vor dem wachsenden Druck, den ich mir selber auferlege, kaum atmen. Ich habe immer gedacht, dass wenigstens ich es packen würde. Jetzt geht es mir besser als je zuvor und sobald ich mal zwei Stunden draußen bin falle ich fast um.

Ich  frage mich warum das alles — warum jetzt? Als ich im Call-Center gearbeitet habe, als meine Freunde gestorben sind, als meine Schwester zusammengebrochen ist, als meine Eltern sich Gläser an den Kopf geworfen habe, als ich meine Miete nicht zahlen konnte und ich den Einkauf bei Lidl stehen lassen musste: Ich hatte so viele tolle Chancen, nicht mehr zu wollen. Nicht mehr zu können. Und jetzt?

Soundtrack: Alexisonfire – It Was Fear of Myself That Made Me Odd

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.