Schlafen

Eine weitaus ältere Fassung des Jungen, der damals schon komische Linien auf Papier brachte und mit verstellter Stimme ins Nirgendwo flüchtete, blickt mich im Spiegel an, schüttelt mit dem Kopf, lacht und hält mir eine Tablette hin.

„Macht das du schlafen kannst.“

„Ich will nicht schlafen, ich will mein Dingens wieder zurück.“

„Das geht leider nicht.“

„Wieso geht das nicht?“

„Weil man nicht das zurückbekommen kann, was der Dünne mitgenommen hat. Das ist ganz einfach. Zurück bekommst du 50 Cent an der Kasse bei Kaisers. Du bekommst aber weder deine toten Freunde noch deine Ideale von damals wieder und schon überhaupt nicht den Traum von gestern Nacht. Du musst dir schon ein bisschen Mühe geben und dir was anderes einfallen lassen.“

„Mühe? Ich gebe mir die ganze Zeit Mühe! Freundlich zu sein, aufmerksam, erfolgreich, verständnisvoll. Ich versuche es allen und mir recht zu machen und überhaupt. Ich gebe mir Mühe nicht immer auszurasten, wenn ich eigentlich gerade will. Ich tue verantwortungsvoll und kümmere mich. Und ich habe das wundervolle Gefühl, dass es mich zwar okay aber nicht glücklich werden lässt. Die behinderte Erkenntnis, dass eigentlich alles ganz okay ist — ich kann es nur seit Jahren nicht mehr ertragen. Und was habe ich jetzt davon?“

„Vielleicht gibst du dir für die falschen Dinge Mühe.“

„Ich zerbreche an selbst gesteckten Zielen und Mittelmäßigkeit, an dröger Wiederholung, an hässlichen Wintern und dem ewigen Wunsch, das endlich alles gut oder besser noch: richtig toll wird.“

„Vielleicht bist du auch nur ein pathetischer Volliditot und solltest dir ein Auto kaufen!“

„Ich bin drei Menschen in Einem, habe Durst für vier, verstehe kaum zwei davon und habe nur Zeit für einen. Kann mich nie entscheiden wer von denen wofür in Frage kommt und hätte öfter gerne mehr von dem Einem oder von dem Anderen weniger, von keinem aber Alles und niemals zur gleichen Zeit alle zu Besuch. Ich kann mich kaum auf mich konzentrieren und außerdem hab auch nicht so viele Sitzplätze. Der Dünne zappelt nur rum, Garbor trinkt und ich selber stehe auf dem Balkon und starre in die Nacht. Ich glaube, ich lade einfach alle zum gemeinsamen Übernachten ein. Den Rest des Tages packe ich mich auf die Couchund dem Fotoalbum darunter, das ich irgendwie vergessen habe anzulegen. Hachherrjeminee, schon wieder Vollmond, da könnte ich endlich wieder in Ruhe jagen gehen. Aber ich traue mich nicht. Nicht das mir dann wieder schwindelig wird und ich dann wieder dann ganzen Tag im Bettchen liege und Lustiges Taschenbuch lesen will“

SMS von Garbor „Und, was jetzt?“

SMS vom Dünnen „Und, was jetzt?“

SMS von mir „Plan B.“

 

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