Tschüssikowski, Dünner

Der Dünne hatte sich aus dem Staub gemacht und keine Nachricht hinterlassen. Er war damals auch einfach genau so gekommen, obwohl Garbor im Nachhinein glaubte, er hatte ihn schon früher dann und wann in den gleichen Bars und Vierteln rumhängen sehen, in die er ging. Aber eines Tages war er einfach da gewesen und blieb. Er blieb nie für Wochen, er blieb meist über Nacht, an Dienstagen und an Freitagen an Wochenenden. Mittwochs hasste der Dünne. Ihm gefiel das Aussehen des Wortes nicht – und Garb konnte das sehr gut nachvollziehen. Mittwoch ist rein typografisch und vom Klang eine halbe (nicht mittlere) Katastrophe. Ein nutzloser Tag, an dem normale Menschen (hah!) nie so genau wussten, ob sie das alte Wochenende wiederhaben wollten oder das neue schon herbeisehnten. Der Tag verursachte unruhige Gedanken an Durchschnittlichkeit, die einem einem buchstäblich den Verstand rauben konnten.

Nun, fragte sich Garbor, war das damit nicht eigentlich eine perfekte Voraussetzung für den Dünnen, seine geisterhafte Erscheinung, seine einnehmende Art, sein gesamtes Wesen? Wahrscheinlich, aber vielleicht freute sich der Dünne am Dienstag immer schon darauf, das er es kaum aushalten konnte bis Mittwoch. Oder es lag doch einfach an der Hässlichkeit des Namens dieses obskuren Tages. Schon beim Sams hatten alle Tage irgendwie eine verdammte Bedeutung bekommen, nur am Mittwoch war nichts los. Außer das eben Mitte der Woche war. Pfff. Jedenfalls war heute Dienstag und Garbor hatte den Dünnen schon seit ziemlich genau einem Jahr nicht mehr gesehen. Der Dünne wohnte in alten Geschichten, gerahmten Fotos, die an der Innenseite der Schädeldecke baumelten, in längst ausgegebenem Geld, in stickigen Bars, an denen Garbor heute vorbeilief, in Gedanken und dem ein oder anderen Tattoo, das Garbor trug … und damit war der Dünne natürlich niemals weg. Niemals wegzubekommen, niemals wegzudenken.

Manchmal sogar glaubte Garbor, dass er den Dünnen ein bisschen winken hören konnte. Manchmal hörte er ihn lachen, wenn er seine Freunde lachen hörte, manchmal wachte er morgens auf und hatte einen Geschmack auf der Zunge, den er kannte. Manchmal konnte er den Dünnen sehen, wenn er sich beim Duschen die Augen rieb und dann den sehnigen Oberkörper und die obskure Pferdemaske verschwommen erkennen. Wie der Dünne in den wildesten Nächten die Mädchen in den Armen hielt und sie lachten. Wie sie ihn baten mit ihnen nach Hause zu kommen und er ein ums andere Mal ausschlug. Wie  die Nacht selbst ihn anflehte nicht müde zu werden, dem Tag noch eine Stunde abzuschwatzen, ihm einschenkte und ihm Mut machte, immer sagte, es könnte ja genauso gut die letzte sein und was dann? Sich dem Tage hingeben? Niemals. Der Dünne konnte mit Tagen nichts anfangen. „Tage sind nur zum dösen gemacht, Garb. Niemand hat jemals tagsüber auch nur irgendetwas sinnvolles erreicht! Denk doch mal selber nach – und jetzt lass mich pennen. Weck mich, wenn wir da sind.“ Garbor war sich immer sicher, das der Dünne zu 80% aus Rock n Roll bestand. Er war sich absolut unsicher, woraus die anderen 20% waren… aber das mit dem Rock n Roll war sicher. Jetzt nicht so Bill Haley Rock n Roll oder Stratocaster Rock n Roll oder so etwas. Ach, ist ja auch egal. Der Dünne war jedenfalls weder Hiphop noch Elektro. Garbor fragte sich, wie viel Rock n Roll noch da war, oder ob der Dünne einen Teil mitgenommen hatte. So genau hatte er sich die Frage im letzten Jahr eigentlich nie gestellt. Und Garbor dämmerte es, dass er die Antwort kannte und nicht hören wollte.

Jedenfalls war der Dünne weg. Garbor wollte nicht, dass er wiederkam. Aber er fürchtete sich vor dem Herbst.

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