Hätte, hätte

Meine Lieblingsbeschäftigung ist starren. Ich starre in die Gegend. Wellen kommen, Bäume schweben, Menschen laufen. Alles surrt und summt, manchmal knurrt ein Hund und die dicke Verkäuferin vom Bäcker gegenüber trällert manchmal. Aber Worte? Worte höre ich keine. Das kann ich Stunden so machen, Tage, ohne das mir langweilig wird.

Ich möchte mit Fug und Recht behaupten, ich könnte ‚Starren‘ als eine meiner Top-Skills bei Xing oder bei Linkedin oder dein Poesiealbum eintragen. Ich würde nicht so weit gehen, ‚Starrer‘ unter ‚Was ich mal werden will‘ in dein Poesiealbum zu schreiben, aber nun.

Was soll man auch nach 15 Jahren in den Neuen Medien noch als Berufswunsch eintragen? ‚Irgendwas, das Sinn macht‘ – Hätte, hätte.

Und was soll das auch sein? Ich kann kein Mathe, ich hasse Politik, irgendwas mit Sport hätte kaum für Regionalliga gereicht und ich kann kein Blut sehen (außer auf der Playstation). Bleibt also Vertreter oder Lehrer. Als Vertreter müsste ich mich jeden Tag selber bekotzen und Lehrer? Na, wenn ich Alkoholiker werden will kann ich das auch ohne den ganzen Stress haben.

Und überhaupt! Wer soll mit den paar Penunsen dann meine 140qm Wohnung bezahlen?

Jetzt nicht abschweifen, Garbor! Es geht ums Starren!

Eigentlich ist es ja das falsche Wort. Denn es ist ja mehr so gucken, beoachten – träumen vielleicht  sogar. Starren ist ja mehr so auf Möpse oder auf ein sehr dickes Kind, das mit seinem Laufrad umgefallen ist. Dann kommt die Mutter und schwäbelt so ein „Noi, Lorenz, was hascht da wieder gmacht?“ und dann starrt man und fragt sich ‚Lorenz, Lorenz. Da wohnst du nun schon mitten in der heiligen Lychener Straße und bist immer noch fett. Und nicht mal Laufrad klappt. Wie soll das nur werden, wenn du aufs Internat kommst?‘

Naja, vielleicht wird er ja eSport für sich entdecken. Oder Sänger. Oder er wird lustig und hat 721.388 Follower auf Youtube. Oder er nimmt einfach ab, weil es die einzige Chance ist, vor seinem 30. Geburtstag zu poppen. Als ich 16 war hatte ich n Sixpack. Und? Gepoppt! Da habe ich vielleicht gestarrt! Aber ich kann auch nicht singen und meine Familie war arm, was hatte ich für eine andere Wahl?

Jetzt bin ich 36 und bin verlobt. Kann also definitiv kein Starren sein. Ich bin eigentlich sogar ziemlich gelassen. Ich kann meine Rechnungen alle bezahlen und mag meine Kollegen. Ich würde fast behaupten, das nächtelange Schuften, die verkackten Wochenenden habe sich gewissermaßen gelohnt. Dennoch: Die ganze Gelassenheit kommt nicht ohne ihren Preis. Ich bin müde. Ich bin gelangweilt davon gelangweilt zu sein. Ich mache ziemlich viel und irgendwie auch nichts wirklich und fange an, mich über den privaten Reisestress zu beschweren. London, Bali, Stockholm, New York, Bielefeld. Ich habe eigentlich nichts, über das es sich aufzuregen so recht lohnen würde.

Heißt das, dass ich angekommen bin?. Und wenn ja wo? Und will ich hierbleiben? Oder wartet die nächste Aufgabe schon? Ich frage mich, was die nächste Aufgabe ist.

Vielleicht werde ich Drachentöter. Also, ich meine, ne staatlich anerkannte Förderung für ne Umschulung oder sowas.Gibts da nicht auch was von Ratiopharm? Oder ich mach Kinder. Aber ich mag Kinder nicht, ich finde die meisten sogar wirklich furchtbar. Hunde? Ab Januar hat so eine Züchterin aus Reinickendorf wieder einen neuen Wurf Labradore. Ist ja nicht so, als würde ich mich nicht kümmern. Gestern habe ich sogar angefangen das Ankleidezimmer neu zu planen. Alter. Das ist ja nicht mal n First-World-Problem. Die meisten Leute haben nicht mal was anzuziehen und ich gucke auf Pinterest nach bronze-farbenen Kleiderbügeln, die am besten zum Lüster passt.

Dabei fällt mir ein: Ich hasse die Fashion-Industrie. Ich bin wirklich froh, dass meine Lady nach einigem hin und her sich für das neue Übel „Start-Up-Szene“ entschieden hat. Da muss ich nur 50% aller Leute hassen. Die anderen 50% sind Nerds, die sind harmlos. Aber in der Fashion-Industrie würde ich sicherlich eher 92% aller Leute hassen. Also werde ich weder Schneider, noch werde ich einen Pop-Up-Store für nachhaltig gezüchtete Alpaka-Wollmützen auf der Torstraße oder irgendwo in Neukölln eröffnen.

Vielleicht werde ich einfach Autor. Aber da bräuchte ich erstmal ne gute Idee und dann Zeit zum schreiben und überhaupt. Gibt es nicht bereits mehr als genug unnötige, wirre, langweilige Kurzgeschichten über das Leben. Mit Roman brauchste mir gar nicht erst kommen, so viele Seiten bekomme ich ja nie zusammen. Worüber soll ich den schreiben? „Write what you know“ heißt es ja immer mal. Aber glaub mir, niemand will eine langweilige Version von 39,90 knapp 20 Jahre zu spät lesen. Ich will sie ja nicht mal schreiben. Hätte ich doch nur eine gute Idee. Für irgendwas.

Hätte, hätte.

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