Hofburg

Der Dünne saß auf einem Absatz in einem der vielen verwinkelten Innenhöfe der Wiener Hofburg und trank Bier. Es war bereits am Dämmern, gerade waren die antiken gelb-orange-farbenen Lichter im Hof angegangen, aber das Termomether zeigte noch immer 33°C.

„Ey, hier!“

Er winkte Garbor hinüber und beklerte sich dabei mit einem Schwall des offensichtlich eiskalten und frisch gezapften Biers.

„Alter, wo hast du denn das Bier her?“

„Da kam gerade einer mit ner mobilen, selbstkühlenden Zapfanlage vorbei.“

„Und der hat dir einfach so ein Bier gegeben?“

„Exakt. Er hat gesagt ‚Guter Mann, sie sehen aus, als könnten sie ein kaltes Bier vertragen.'“

„Und?“

„Dann ist er gegangen.“

„Einfach so?“

„Einfach so.“

„Und jetzt?“

„Jetzt trinke ich mein Bier.“

„Und ich?“

„Na du hast ja offensichtlich keins. Was scheiße ist. Es ist schließlich verfickt warm und so.“

„Na gib mir was ab!“

„Pff.“

„Was ‚Pff‘? Mach!“

„Warum?“

„Hast du selber gesagt. Es ist sauwarm. Ich habe gerade zwei Tage Workshop gegeben. Dann hast du mich angerufen und gesagt ‚Dicker, ich bin auch in Wien. Lass ma treffen und noch einen losmachen. Ich besorg uns was und wir chillen ein bisschen, gucken uns die geile Architektur an. Trinken ne Melange. Vielleicht bisschen an der Donau latschen, paar Leute kennenlernen und so.‘ Und nu? Bin ich hergekommen und du chillst ohne Shirt aber mit Bier in diesem unfassbar wunderschönen Hof – und willst mir kein Bier abgeben?“

„Ist ja gut, ey. Was n Text.“

„Du hast doch gefragt!“

„Jaja. Und? Lecker?“

„Unfassbar. Aber auch n bisschen seltsam.“

„Was soll das heißen?“

„Schmeckt n bisschen wie Hühnchen…“

„Achso, ja. Ich hab GHB reingemacht.“

„Du hast was?“

„GHB.“

„Warum?“

„Ich hatte noch welches. Also gerade bekommen.“

„Von dem Mann mit dem Bier?“

„Woher weißt du das?“

„Klingt nur logisch. Ich mein…“

„Hmm. Jo. Stimmt schon.“

„Und jetzt?“

„Legen wir uns da vorne auf die Wiese und gucken, was der Abend noch so bringt.“

„Deal.“

Garbor wachte in einem Restaurant am Flughafen auf und hatte ein frisches Ottakringer vor sich zu stehen. Jedenfalls stand das auf dem Glas. Nicht das er den Geschmack erkannt hätte. Außdem hatte er noch gar nichts von dem Bier angerührt. Schräg gegenüber war eine junge Frau, Ende Zwanzig wahrscheinlich, mit offensichtlich amerikanischem Akzent in ein Telefonat vertieft. Das Gespräch wurde immer lauter und nachdem sie aufgelegt hatte, atmte sie hörbar angestrengt aus. Sie klappte ihr Macbook auf und guckte auf das Display. Wobei das Gucken ein extremes Schielen war. Ihr rechtes Auge klebte quasi am Bildschirm, mit dem linken hätte sie auch genausogut die Leute hinter ihr beobachten können. Garbor bemerkte, wie er sie offensichtlich anstarrte.

„Eigentlich Bildhübsch, aber dieses Schielen. Alter Falter.“

„Excuse me?“

„Oh nothing. Uhm, what day is it?

„Excuse me?“

„Nothing. Sorry. Gotta catch my flight. Bye.“

„No. Wait. I know it sounds funny, but could you read this here please. I am not really sure, if I can really see what’s written here.“

(Kein Wunder)

„Sure thing. Wait. Uhm, ‚We regret to inform you that your wedding on Sunday July, 15th has been canceled through your fiance.'“

„What the hell?“

„Really sorry.“

Garbor nahm seine Tasche, trank das Bier aus und machte sich auf den Weg zu Gate C41. Wien. Immer eine Reise wert.

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