Schlaraffenland

„…mein lieber Herr Dünner, so geht das aber nicht. Ich muss sie jetzt bitten die Rechnung zu begleichen und dann zu gehen!“

„Leider: Nein.“

„Wie meinen?“

„Nun, ich denke, das mit dem Zahlen. Ich wüsste nicht wofür? Wissen sie, guter Mann, was habe ich denn nun wirklich davon? Ich meine, kann und werde ich meinen Freunden am Lagerfeuer, meinen Kindern am Sterbebett, den Kollegen beim Mittagessen oder auch nur dem nutzlosen Facebook-Pack von dem, wofür sie nun Geld von mir verlangen, erzählen? Ist es eine Anekdote, eine Instastory, einen einzigen Like wert? Erinnere ich mich morgen früh an den Inhalt, gar den Wert, dieses Transfers? Ich denke nicht. Und was nicht wert zu erzählen ist, was es nicht wert ist geteilt zu werden – ist es tatsächlich nicht wert bezahlt zu werden!“

„Die Packung Parisienne kostet 6 Mark und mir ist es einerlei, ob sie da eine Geschichte draus machen oder nicht. Sie können sie auch hierlassen.“

„Herrje. Hier, habe nur einen Zehner, alter Gauner. Behalt die Münzen. Wer auf Münzen angewiesen ist, der hat absolut keinen Sinn für Schönheit, für Poesie, für freie Liebe und ist ganz sicher kein Zauberer.“

„Guter Mann, ich habe 23 Jahre bei einem Pharmakonzern im Vertrieb gearbeitet und bin meinen Job vor 4 Jahren wegen der Standortschließung in Bochum verloren, nachdem die Firma in einen schlimmen Steuerskandal verwickelt war. Meine Frau hat mich danach verlassen und ist mit meinem besten Freund in die Schweiz gezogen. Ich bin dann zu meinem Bruder nach Berlin, dem gehört der Laden hier. Ein paar Mal in der Woche arbeite ich hier, um ihn während seiner Bestrahlung zu vertreten und mir ein bisschen was dazu zu verdienen.“

Das Leben war komplizierter als der Dünne es sich vorstellen wollte. Als Möchtegern-Hedonist hatte man es nicht immer leicht, wenn man mit der Realität konfrontiert wurde. Und so kam es, das das Bedürfnis sich am Abend zu betrinken wuchs und um knappe drei Stunden vorverlegt wurde.

Der Dünne legte noch einen Zehner oben drauf, steckte die Zigaretten ein und ging.

 

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