Ausflug mit Krokodil – Teil 2

„Bin im Auto, kommt runter, in 10 Minuten geht’s los„, stand auf dem Display des Firmentelefons, das Garbor nie abgegeben hatte.

Also anziehen, Haare hochbrüllen, Air Max an und die Treppe runter, in das was in ein paar Wochen der beste Frühling dieses Jahres werden sollte. Auf dem Beifahrersitz des 69er Camaro SS saß das Flauschekrokodil und durchsuchte das Handschuhfach.

„Hast du mir ne Bifi mitgebracht?“

„Nee, wieso?“

„Hatte ich dir noch geschrieben. Aber Wurst (haha), kaufen wir eine auf dem Weg.“

„Ich finde, du solltest nicht so viel Scheiße essen.“

„Ich finde, du solltest deine Gefühle in den Griff bekommen.“

„Touché.“

„Fahr los, ich muss in drei Stunden wieder im St. Oberholz sein.“

„Was? Wieso? Ich dachte DU wolltest heute diesen Ausflug machen. Und was zum Teufel machst du im St. Oberholz?“

„Projekte, Garbor, Projekte. Die Limonade verkauft sich zu meiner Überraschung nicht von alleine. Ich meine, die letzte Marktforschung hat zwar ergeben, dass Ginger-Mate diesen Sommer sehr angesagt sein wird und ich habe an gerade die Intensität der Kohlensäure nochmal angepasst – aber für die Instagram-Werbung hab ich jetzt Models gebucht. Von nichts kommt ja nichts.“

„Aha. Wo willst du denn jetzt hin, zu deinem kleinen Ausflug?“

„Märkisches Viertel. Fahr über Wedding, ich hab gehört der ist im Kommen.“

„Was? Wieso das denn?“

„Na, da kommst du doch her, ausm MV. Wollte ich mir mal ansehen. Ich dachte, wir gehen Sido oder Fil besuchen?“

„Die wohnen da nicht mehr.“

„Aber wieso denn nicht?“

„Ich wohne ja da auch nicht mehr.“

„Ja, aber das sind doch Künstler.“

„Danke.“

„Ach, jetzt hab dich nicht so. Wann sind wir denn endlich da?“

„Sind eigentlich schon fast da… hier siehste schon die ersten Ausläufer. Die Farben der Autos werden bunter, die Frisuren der Menschen beschissener, links n Dönerläden, rechts ne Spielothek. Die Häuser werden höher und alles voll mit Platanen. Hier, hier bin ich zur Grundschule gegangen und da hinten, beim Carolaschiff, haben wir als Kinder viel gespielt. War ja schon ne schöne Zeit irgendwie.“

„Weißt du, was ich nie verstanden habe? Warum die Leute immer sagen, das man nicht vergessen soll, wo man herkommt. Wie in dem Lied von Take That. Aber das ist Schwachsinn. Schau dir den Kram doch nur mal an: Bisschen was grünes, n Einkaufszentrum, n Spielplatz, ne Menge Plattenbau und sonst: Nicht schlimm, nicht toll. So wie das Leben der meisten Mensch. Nichts auf der Welt hält einen so sehr davon ab glücklich zu sein, wie Mittelmäßigkeit. Nirgendwo wird man so schnell fett wie in der Komfortzone. Ich glaube, die meisten Leute sollten so schnell wie möglich vergessen, wo sie herkommen. Was bringt dir denn das? Du kommst aus’m Hochhaus, toll. Darum geht’s aber nicht.“

„Worum geht’s denn dann?“

„Es geht immer nur ums das Hier und Jetzt, Garbor. Immer.“

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