Nervenseegen

„Was machen die ganzen Gören denn hier? Is Pankow jetzt das neue Prenzlberg oder was? Sach doch auch mal was, Garbor. Das ist auch deine Stadt!“

„Mein lieber Dünner, du hast recht.“

„Wie jezze, Garb? Keene gutbürgerlichen Widerworte und tolle Erklärungen zum natürlichen Gentrifizierungsprozess und der langsamen Weiterentwicklung von Pankow. Kein ‚So ist das halt, musst du dich dran gewöhnen. Die meisten Menschen mögen ja Kinder gerne und so schlimm ist das doch alles nicht‘? Kein Verständnis für die kleinen Racker? Kein ‚Ist doch gut für den Umsatz hier.‘?“

„Nein. Ich hasse es wie die Pest. Ich wünschte Pankow würde sich nicht verändern. Ich will keine spanischen Touristengruppen, ich will keine Lenas und Noahs und Emils und wie sie heute alle heißen und kein antiautoritäres Kakaoverschütten. Mich kotzen ja schon die ganzen Bioläden und Kitas hier an. Ich finde es gut, dass es hier keine Restaurants gibt, keine Bars und Boutiquen und keinen Grund herzuziehen. Ich will doch nur meine Ruhe haben. Ich will nicht, dass alle denken, man muss Kinder haben. Das man das Lachen eines Kindes gesehen haben muss, um den Sinn des Lebens zu verstehen. Ich glaube, für viele Menschen sind Kinder eine tolle Ausrede, um sich nicht zu intensiv mit sich selbst auseinanderzusetzen. Wer weiß, was man da findet an Antworten, die man lieber nicht gehört hätte. Die wissen ja auch alle nicht, was sie wollen. Und deswegen erlauben sie ihren Blagen auch allen möglichen Scheiss hier. Wenn ich früher sowas in nem Restaurant abgezogen hätte, hätte mein Vater mir eine gelangt. Und zwar zu recht!“

„Tolle Geschichte. Und du weißt, was du willst, mein lieber Freund? Und das mit der Schelle von deinem Vater hat gut funktioniert, ja? Wenn du so wohl erzogen bist, warum rennst du denn mit 38 nachts besoffen durch Mitte und pöbelst Leute auf der Straße an? Ich mein, mag jetzt n bisschen kritisch klingen, aber so richtig erwachsen ist das auch nicht, hmm?“

Ich dachte, dich stören die Kinder auch?

„Ja, aber mir geht einfach das Geschreie auf den Sack und ich hab keine löchrige, bigotte Geschichte zu erzählen, die ich in Auszügen zu allen gentrifizierten Bezirken in den letzten 20 Jahren schon mal gehört habe.“

„Ist ja gut. Können wir gehen? Wollen wir einfach nach Mitte fahren und n bisschen shoppen?“

„Klar, gerne. Hackescher?“

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