Rückausblick

„Dünner, ich weiss gar nicht, wo ich anfangen soll.“

„Kennwa ja.“

„Is aber so.“

„Ick wees. Wie wärs, du fängst mit jetzt an und arbeitest dich langsam nach hinten?“

„Huh?“

„Weil die inner Schule immer gesagt haben, fang von vorne an. Aber dit is Humbug. An vorne kann man sich nich gut erinnern — ist meist so n Nebel aus Wodka-Pommes-4-Uhr-30. Oder noch schlimmer: Glorfizierung. ‚War doch ganz okay mit Oma Heinz, außer das er ne arme Trinkersau und n Arschkopp war.'“

„Meine Oma hieß nicht Heinz und war auch kein Arschkopp.“

„Meen Punkt haste aber schon verstanden, wa?“

„Ja.“

„Fang mit jezze an, sach einfach wie et sich jezze anfühlt, Garb. Denn wird dit gestern auch n bisschen greifbar. Villeicht.

„Ey, Dünner?“

„Watn?“

„Danke. Was würd ich nur ohne dich machen?“

„Wenjer heulen, aber vielleicht wärste dann verheiratet mit zwee Blagen und nem BMW. Und dit is auch keine Lösung.“

„Nein? Für die meisten ist das voll okay…“

„Nee, Garb, für dich nich. Weeste aber selber.“

„Am Montag habe ich mit zwei meiner ältesten und besten Freunde Zeit verbringen dürfen. ‚Was für ein Jahr‘ haben wir gesagt. Was für ein unfassbares Jahr.‘

Ich wollte einen schönen Text schreiben, in dem ich das Jahr reflektiere. Also: Einen Text, der mir dabei hilft, das Jahr zu reflektieren. ‚Zusammenfasst‘ dachte ich erst, wie beim ZDF. Gibts das eigentlich noch? Was für eine Pisse. Egal. Dieses Jahr ist da nicht so einfach. In einem Satz: Es ist ein unfassbares Jahr.

In ein paar mehr Sätzen: Ich habe mich getrennt. Beziehung, Arbeit, Wohnung. Ich glaube, weil ich tief in mir gewünscht habe, mich von ein paar Teilen von mir zu trennen. Von Dingen zu trennen, die mich zurückhalten. Was für ein Scheiss aber irgendwie. Man legt Unzufriedenheit und schlechte Gewohnheiten aber nicht ab, wie die Brille bevor man ins Bett geht.

Ich habe neu angefangen. Beziehung, Arbeit, Wohnung. Man legt sich Zufriedenheit und gute Eigenschaften aber nicht so einfach zu wie eine Zimmerpflanze.

Im Sommer das erste Mal seit langem dann wieder schlaflose Nächte und Panikattacken. Im Winter ist alles Geld was ich hatte weg und noch mehr. Ich hab mich gefragt, ob es das alles wert war. Ist. Werden wird.

Die Antwart ist ganz klar: Ja.

Ich bin traurig darüber, dass Dinge nicht geworden sind, wie ich mal gedacht habe. Wie ich gehofft habe. Ich bin weiterhin enttäuscht von mir. Und das ist total gut so. Auf dem Weg. Nicht angekommen. Zufrieden darüber unzufrieden zu sein.

Ich hab diese Trainer-Ausbidlung abgeschlossen. Das ist eine der besten Sachen, die ich in meinem ganzen Leben gemacht habe. Und dann noch diese Menschen da. Unfassbar.

Ich bin noch so weit weg davon zu sein, wer ich gerne sein möchte. Ich bin auf dem Weg dahin bin. An den Tagen, an denen ich das Gegenteil denke, mach es das nicht einfacher, sondern schlimmer. In den Momenten, in denen ich es ernsthaft versuche, ist es ganz einfach eines: gut.

Was für ein unfassbares Jahr. Danke.‘

„Geht doch.“

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