Grenzerfahrung light

Garbor saß im Hotelrestaurant, kaute auf seinem Entrecôte und blickte den Dünnen nachdenklich an.

„Hast du von diesem Artikel gehört, in dem der Autor gegen diesen ganzen gesunden Lifestyle plädiert? Das es wichtig ist, gelegentlich Zerfall, Alkohol und so zu zelebrieren, um die eigenen Grenzen zu finden?“

„Klingt für mich nach ner billigen Rechtfertigung eines schwachen Menschen, der ne Ausrede zum saufen sucht.“

„Häh, warum denn?“

„Na, weil es das ist.“

„Nee““

„Okay, tun wir so, als hättest du oder der oder die Gesellschaft recht. Es hilft. Wie?“

„Na weil es eben ohne nicht geht. Wie willst du wissen, was deine Grenzen sind. Wie willst du wissen, was zu viel ist? Wie willst du wissen, was du genau an der Grenze für Dinge empfindest und … überhaupt sonst nie zu Gesicht – oder noch besser: Gespür – bekommst? Wie soll das mit Tofuwurst und Green Smoothies gehen?“

„Okay. Liegt es daran, dass du alleine im Hotel bist und die Stille und das ganze ‚Okay, es ist 20.21 Uhr. Was jetzt? Morgen früh muss ich wieder ran und funktionieren, aber was fange ich mit mir selbst bis dahin an?‘ nicht ertragen kannst? Weil die Existenz mit nem leichten Pegel und ner Kippe besser zu ertragen ist? Kann es sein, dass das Maß an Erkenntnis nicht so hoch ist wie das Maß an Zeit das man rumbekommen muss?“

„Auch.“

„Aha. Siehste.“

„Aber ich könnte auch – wie andere Menschen – einfach Fernsehen an machen oder n Porno oder n Autozeitung lesen oder Facebook oder so eine Hirnischeisse.“

„Klar könntest du das. Warum machste es nicht?“

„Weil es keine Grenzerfahrung ist!“

„Aber zwei Gläser Blanc de Noir und Marlboro Gold sind Grenzerfahrungen?“

„Nee.“

„Na dann! Mach’s richtig oder nicht. Trink ne Flasche Mescal und mach die Badewanne voll, lass Jefferson Airplane laufen. Rauch die ganze Packung weg, renn nackt über den Gang! Ruf ‚Oula oula dahamakaka pamoula‘ und mach das Grenzding.“

„Geht nicht.“

„Warum?“

„Gibt nur ne Dusche und die Zimmer haben Rauchmelder. Ist mega der Stress!“

„Spießer.“

Garbor zog das rote Kleid aus und ging zielstrebig die Treppen der Hotelbar hinab. Auf dem Weg begegnete ihm ein langweilig-adrett gekleidetes Pärchen Mitte 50. Er grüße freundliche mit den Worten ‚Zeit was anzuzünden, finden sie nicht auch?‘ Als der Mann sich schützend vor seine Frau stellen wollte und sein Gesicht eine Idee von ‚Was fällt ihnen ein?‘ vermittelte, ging Garbor pfeiffend weiter.

Er lächelte, setzte seine Kopfhörer auf, als just in diesem Moment Brian Sella mit ruhiger Stimme zu singen began:

„And I can smell plastic burning
I can smell chemicals breaking down
I got your last three emails
The ones where you said
„I was sorting some things out“

In der Bar angekommen bestellte er ein Glas Blanc de Noir und Nüsse. Er nestelte eine Zigarette aus dem Softpack hervor, zündete sie an und ließ sich auf die gemütliche Couch gegenüber fallen.

Über die Boxen lief eine schlimme Pop-Version von Sinatras ‚I did it my way‘ während Garbor sich langsam in die Embryonalstellung zusammenrollte. Er deckte sich mit den flauschigen, grünen Kissen der Couch zu und schloss die Augen.

„Was ist schon eine Grenzerfahrung, wenn alle schon alles gesehen haben? Wenn all jemanden kennen, der schon nackt den Amazons raufgeschwommen ist, vier Jahre in Kriegsgefangeschaft war, ohne Beine den Himalaya bestiegen hat oder einfach nur krass Laktoseintolerant ist?“

Fernsehen also.

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