Hotelbars

Neben mir eine Schwedin, irgendwas zwischen 40 und 70, die, mit schwerem Rotwein und einer ganz leichten Botox-Fahne bewaffnet, beim facetimen (was ein Wort, ey) zwischen aufgeregtem Heulen und hysterischem Lachen wechselt.

Gegenüber sitzen ein Typ mit Man-Bun (noch so’n Wort) und sein Buddy mit Button-Down und ganz leichter Idee von ausgehendem Haupthaar, die darüber sprechen, dass das Verhalten des Kunden vollkommen inakzeptabel ist. Ganz ehrlich: Ich hab keine Ahnung worüber sie sprechen. Man interpretiert ja immer seinen Scheiss in das Leben der anderen. Unweigerlich. Jedenfalls ist Man-bun mit nem weißen Model S Tesla angekommen und hat sein Leben im Griff. Er ist dünn und hat anscheinend wenigstens die Penunsen sich die Karre leisten zu können. Wie soll man „Leben im Griff“ sonst von außen beschreiben?

Ich mein, ich kenn die Gedanken meiner besten Freunde, wenn sie Donnerstagnacht wachliegen und sich von einer Seite zur anderen wälzen schon nicht. Ist ja nicht so, dass die meisten Leute ihre Dämonen als Tätowierung auf den Unterarmen tragen. Woher soll man also wirklich wissen, wer sein Leben im Griff hat? Und wer – zum Henker – hat sein Leben wirklich im Griff?

Und das hat auch alles mit nem Man-Bun nichts zu tun. Auch nichts mit Botox, Rotwein oder ner sechsfarbigen Camp David Jacke. ‚Sein Leben im Griff haben‘ ist eine lächerliche Aussage. Genauso lächerlich wie die Frage „Wie gehts? Alles klar bei dir?“ Was erwartest du denn, was die Leute antworten?

‚Komisch das du fragst. Mein Vater war irgendwie n Trinker. Nicht asozial oder so – überhaupt nicht. Der war n schlauer und gebildeter Mann. Aber der hat halt doch ständig n Bier gehabt. Das beschäftigt mich gerade. Der war n toller Mann, echt, ich hab so viel von dem mitgenommen. Aber cholerisch war er und ich habe mit 11 echt Angst vor dem gehabt. Ich hab so Schiss, das ich auch so werden könnte. Potenzial und dann Enttäuschung vom Leben und dann … aufgeben. EIne einfache Projektion auf Versagen im Allgemeinen und den eigenen Ansprüchen. Ich mein, ich werd dieses Jahr 40 und … ach, ich weiss auch nicht. Schon bizarr, oder? Und bei dir so? Noch immer bei der Versicherung? Hast du noch immer Schiss den Job zu verlieren, weil du vor 15 Jahren mal arbeitslos warst? Noch immer Schiss dich zu trennen, weil du nicht weisst, wie ihr dann die Tupperware aufteilt? Naja, hey. Schön das du gefragt hast. Grüss Maja von mir. Früher hab ich immer mal gedacht, zwischen ihr und mir würde mal was gehen. Was soll’s ey. Hat halt nicht sein sollen.‘

Ganz ehrlich. Manchmal wünschte ich. Dann hätten weniger Menschen Donnerstagnacht Angst, sie wären die Einzigen, die n Ding zu laufen haben. Weniger Menschen, die denken würden, sie würden es nicht packen. Geht ja nicht darum, deren Probleme zu lösen. Gott, nein. Es geht darum, den Leuten ab und zu sagen: ‚Ist okay. Echt. Bei mir ist auch nicht alles geil. Meine Angst, meine Unvollkommenheit, mein Zweifel.‘ Statt: mein Haus, mein Auto, mein Boot.‘ Sich einfach in den Arm nehmen, atmen und dann weitermachen.

Einfach mal atmen.

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