Zwischen Wolfsburg und Spandau passt immer noch ein Pils.

„Ey, Dünner. Ich hab n Fehler gemacht.“

„Tatsache? Das tut mir leid!“

„Wirklich?“

„Nicht wirklich, nein. Aber ich habe mir vorgenommen, dass ich es mal mit Empathie und motivierender Gesprächsführung versuchen könnte.“

„Warum das denn?“

„Weil ungefilterte Ehrlichkeit nicht so geil ankommt bei Menschen. Mann muss ja nett sein und so…“

„Und jetzt?“

„Jetzt möchte ich gerne Wissen, was du gemacht hast, dass du als Fehler ansiehst. Dann werde ich dir die Möglichkeit geben, eine eventuelle kognitive Dissonanz zu erkennen und es so aussehen lassen, als wäre es deine Idee jetzt an dir zu arbeiten. Also, mein guter Freund, was hast du getan?“

„Ich habe im Bordrestaurant nur ein Bier gekauft, obwohl es doch kleine Biere sind und es noch 70 Minuten bis Berlin sind.“

„Du bist ein verdammter Idiot. Ich meine. Oh, man ey! Weisst du wo wir gerade durchgefahren sind, Garbor? Hmm, Garbor? Braunschweig. Weisste, was als nächstes kommt? Genau! Wolfsburg. Eine goldene Weissheit der Bahnfahrt lautet: Wer in Wolfsburg nicht besoffen ist, ist n Idiot. Oder arbeitet halt bei VW. In meinem Buch ist das das selbe. Und überhautpt, hast du schon mal probiert nüchtern an deinem Buch zu schreiben? Wir beide wissen doch, wie das läuft. ‚Write drunk – edit sober‘, so steht es geschrieben! Und obwohl du das alles weißt, wider aller Regeln der Intelligenz, der Ettikette und der wunderschönen Selbsliebe, verbrichst du so etwas.“

„Wolltest du nicht nett sein und so? Was soll ich denn jetzt machen?“

„Jetzt gehst du nochmal ins Bordrestaurant und holst noch ein Bier. Ist ja nicht so, dass man aus Fehlern nicht lernen könnte. Ist ja nicht so, als würde das ganze Leben ein wundervolles Experiment sein, bei dem wir alle mööööglichen Dinge ausprobieren können und immer wieder neue, spannennde Entdeckungen machen können. Jederzeit können wir uns neu erfinden und die Fehler der Vergangenheit hinter uns lassen. Pfeiffend auf dem Pfad der Erleuchtung in Richtung Zukunft spazieren und sagen: Ach, wie gut, dass niemand weiß, was ich gestern war, das war nur Scheiß!“

„Puh, da bin ich ja beruhigt. Ist das wirklich so?“

„Scherz. Nein. Die Menschen sind dazu verdammt die gleichen Fehler immer und immer wieder zu machen, fett zu werden und zu Schalke zu gehen. Nur du nicht. Du kannst dich noch retten, aber du musst dich beeilen. Die nächste Station ist Spandau. Und du weißt, was mit Menschen passiert, die in Spandau zögern!“

„Sie kommen in die Hölle?“

„Willst du es wirklich rausfinden, Garb?“

„Nein.“

„Dann zögere nicht, mein junger Padawan. Strike true. Become water, my friend. Make Bahnfahrt great again.“

Garbor machte sich zum erneuten Male auf den Weg ins Bordrestaurant. Er dachte, es würde ihm peinlich sein, weil er vor so kurzer Zeit schon ein Mal mit einem Bier durch Wagon 5, 6 und 7 gelaufen war und die feinen Menschen sicher gucken und tuscheln würden. Aber er sollte mit beidem Unrecht haben. Erstens schliefen die meisten Leute im dünnbesetzten ICE von Mannheim nach Berlin längt und zweitens war es ihm tatsächlich Schnurzpiepegal. Angekommen im Restaurant:

„Hallo ich nochmal! Ich würde das hier gerne umtauschen!“

„Wie? Wieso nochmal?“

„Ich war ebe… vorhin schon mal hier.“

„Aha. Na umtauschen ist hier nicht. Das ist ja leer. Müssense schon bezahlen!“

„Ist ja nur eine Redewen… ach, egal. Ich hätte gerne ein Neues. Dreieurozwanzig war’s oder?“

„Na, sie wissen ja Bescheid.“

„Das würde ich jetzt so ganz allgemein nicht behaupten, aber hin und wieder habe ich wache Momente.“

„Wie bitte?“

„Ach, Wurst. Gute Reise und gute Besserung – würde Marcel jetzt sagen – ich glaube fast, der hat sie mal getroffen.“

„Was für ein Marcel denn?“

„Marcel aus Kos. Also eigentlich aus Düsseldorf, aber jetzt ist er Berliner. Also, als Nicht-Berliner kann man ja gar nicht Berliner werden. Auch wenn sich das manche Menschen einreden, nachdem sie 5 Jahre in Neukölln in ner WG gewohnt haben. Ich mein das nicht mal wertend (okay, klar tu ich das, pff), aber egal wie lange du in Berlin wohnst – das geht so nicht. Entweder du bist hier geboren oder nicht. Man wird ja auch nicht Jude oder Inder oder rothaarig, weil man sich Mühe gibst. Verstehen sie, was ich meine?“

„Nee.“

„Hab ich mir gedacht. Ist ja auch egal. Ist ja eh gleich Spandau. Davor muss ich das Bier ausboxen, sonst bekomme ich Ärger mit meinem Bewährungshelfer. Schönen Abend noch, war nett mit ihnen zu plauschen!“

Auf dem Weg zurück zum Wagon dachte Garbor nach. Er hatte in letzter Zeit häufiger nachgedacht – vielleicht war er deswegen so müde und aufgeregt zugleich. Zum 40. Geburtstag wünschte er sich eigentlich nur, nichts mehr nett finden zu müssen. Die Kraft, aufzustehen und einfach zu gehen, sobald etwas ’nett‘ wurde. 

 

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