Herbstsituation

Heute morgen rausgefunden, dass Scott Hutchinson sich umgebracht hat. Hab im letzten Winter noch geschmunzelt darüber, dass das aktuelle Album ‚Painting of a Panic Attack‘ heißt. 

Heute ist das Lachen belegt, aber die Blätter an den Bäumen funkeln wie ein warmes, einladendes Feuer.

Herbst also. Hätte ja keiner gedacht, dass das wieder passiert. Musste ja irgendwann kommen — globale Erwärmung, Suizide großer Poeten, kein Bock auf lange Hosen hin oder her. 

Garbor jedenfalls war nicht vorbereitet. Er hatte weder Ingwer noch Zitrone zuhause, die Jalousien waren noch immer unten und er hatte überhaupt keine Ahnung, was er für Socken anziehen sollte. Vor allem aber, wusste er nicht, was er von der Gesamtsituation halten sollte.

Ein vollkommen belangloser Sommer mit zu viel Zeit und keinen Ambitionen ging langsam herum, aber war schneller vorbei als er eigentlich sein sollte. Und auf eimal ist es also wieder Zeit für Gitarrenmusik und Plastikjacken. Die Umstellung von Weisswein auf heißen Kakao machte ihm zu schaffen.

Was ihm noch mehr zu schaffen machte: Er hatte einen Auftrag in einer Agentur angenommen. Erstens musste Geld verdient werden. Ganz einfach. Zweitens dachte er, ein bisschen soziale Interaktion könnte ihm nicht schaden, nachdem er den Sommer über rausgefunden hatte, dass er sich allein zwar passabel, aber nicht außschließlich aushalten konnte.

Nach zwei Tagen bei der Agentur bekam er eine Erkältung und ihm fiel wieder ein, warum er der Agenturszene der Rücken gekehrt hatte: 

Sie machte keinen Sinn.

Man saß mit einer Gruppe von Menschen in einem Raum und versuchte Lösungen für nicht existierende Probleme zu erfinden, während alle sich Mühe gaben halbwegs hübsch auszusehen, schlau zu wirken und immer wieder zu erwähnen ‚Das man das ja eigentlich, also, wenn man es richtig machen würde, anders machen würde‘.

„Genau damit habe ich schon mal fast 20 Jahre verbracht, danke, aber ich denke, dass reicht mir jetzt.“

„Wie bitte?“

Garbor fiel auf, dass der Kundentermin bereits begonnen hatte. Er schien gesprochen zu haben. Oops. Na wenn man schon mal angefangen hat, warum abruppt wieder aufhören? Also fuhr er fort:

„Also: Sie brauchen jetzt schon zwei Jahre seit dem Pitch, um über die neue Website nachzudenken. Das hilft doch alles nichts. Sie wissen nicht, ob sie das so umsetzen können, haben aber dafür auch kein Geld. Die Agentur hier packt sie deswegen ans Ende der internen Prio-Liste, aber es sitzen von Agenturseite 6 Leute in diesem Meeting. Ich meine, schauen sie doch mal: Ihre Website ist für den deutschen Markt, aber wir beide reden auf englisch miteinader, weil eine von 7 Menschen hier kein deutsch kann. Ich übersetze nachher ihre Produkttexte von deutsch nach englisch, damit die Designerin in London versteht was der Krempel bedeuten soll und ihre Entwickler in Indien es auch peilen. Später muss es jemand wieder zurückübersetzen. Und in zwei Wochen muss alles fertig sein, weil dann das halbe Team in den Urlaub geht und ich nicht mehr gebucht bin. 

Was ich damit sagen will: Das Projekt macht keinen Sinn und ändert ganz ehrlich überhaupt nichts auf dieser Welt. Für niemanden. Sein sie doch so gut und überweisen mir das restliche Budget auf folgendes Konto und lassen sich selber auch 5.000 raus und machen nen schönen Urlaub, ja?“

Dann stand Garbor auf und verließ das schöne Industrieloft mit den beschäftigten Menschen. Zeit alles anzuzünden und wieder nach Hause zu gehen.

Stellt euch vor, wir wären ehrlich miteinander. Wäre doch auch mal ganz nett. Dann würden wir uns mehr in den Arm nehmen und weniger Scheisse arbeiten.

 

 

 

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