Niemand hat die Absicht ein Leben zu führen

„(…) sondern, und das sollte ihnen direkt jetzt am ersten Tag ihrer neuen Funktion klar sein: Die Menschen wollen geführt werden.

Sie wollen es genießen und lachen und die endlose Freiheit atmen, ja, das sagen sie. Das schreiben sie unter ihre Instagram-Posts und in ihre Kalendersprüche. Sie schreiben es in die Geburtstagskarten und schwören es sich betrunken an den lauen Abenden ihrer Jugend. Mit wehendem Haar und wildem Blick. Mit glänzenden Augen und Lust in ihren Adern, wolen sie nochmal rauskommen, weit weg gehen oder auch ein bisschen Koks auf der Toilette nachts um halb vier. 

Und dann passiert es. Die Menschen sind. Sie sind einfach da. Werden dick und träge von ihren Mitternachtsdönern und ihrem Weihnachtsgeld. Von alter Liebe und ihrem törichten Lebensstandard. Ihre Gedanken werden stumpf und jeder Mittwoch schmeckt nach ‚Hätte, hätte‘.

An einem Samstag im Februar laufen eines Nachts die Klassiker ihrer Jugend, ihre Bäuche spannen sich zu Hymnen des Vormals. Sie drehen die Musik ebenso auf, wie die Flaschen des Weins, damit sie das Ticken der Uhr nicht hören müssen.

Und dann wachen sie auf.

Verkatert und rührseelig wünschen sie sich jemanden, der sie an die Hand nimmt und ihnen sagt. „Es ist alles okay. Du hast alles richtig gemacht. Du bist nicht wie dein Vater. Komm, ich mach dir erst mal Kaffee — und in 20 Jahren ist der Kredit für’s Haus auch schon abbezahlt, die Kinder sind dann aus dem Haus und wir machen es uns so richtig schön.“

Oder: „Es ist noch Zeit. Du kannst noch alles machen — jederzeit neu anfangen. Gib die Kinder zur Adoption frei, beleidige deine Schwiegermutter auf Facebook, brich den Schlüssel ab und renn in den Wald. Zieh dich aus, brüll deine Haare hoch, schlaf mit wem du willst und erfinde dich jeden Tag neu.“

Aber die Menschen wollen kein Leben führen. Sie wollen geführt werden. Lass sie zu lange allein, gib ihnen Freiheit und sie weinen bitterlich, schreiben Tagebuch und bringen alles durcheinander.

Daher begrüße ich sie nun alle in ihrer neuen Funktion als Junior-Werbetexter der Garbor-Gruppe. Geben Sie den Menschen, was sie brauchen, und Sie werden hier Karriere machen und gutes Geld verdienen. Das sind Sie sich und der Menschheit schließlich schuldig.

Applaus!“

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