Wechselgeld

„Zwei Karten, bitte.“

„Ermäßigt?“

„Nein, Erwachsene. Bitte.“

„Hahah, lustig. Macht 16 Euro.“

„Äh, ja. Hier.“

„Wir nehmen leider nur Scheine.“

„Wie bitte?“

„Nur Scheine. Wir nehmen keine Münzen.“

„Wie soll denn das gehen bei 16 Euro?“

„Tja. Nicht mein Problem.“

Das Flauschekrokodil schloss die Klappe seines Schalters, rutschte von seinem kleinen, gepolsterten Stühlchen herunter und verschwand in die Pause. Pausen waren wichtig, wenn man Enttäuschung vermeiden wollte. Viele Enttäuschungen im Leben spielten sich ab, wenn man gerade keine Pausen machte. Es konnte einen alles enttäuschen, wenn man sich genug Mühe gab.

Einige Beispiele: Arbeit. Familie. Beziehungen. Lesungen.

Im Pausenraum angekommen setzte sich Flauschi auf die Couch, legte die Füße hoch und fing an sein Schinken-Sandwich zu essen. Entgegen der Erwartungen des Zeitgeistes hatte sich das Flauschekrokodil dazu entschieden nicht Veganer zu werden. Eine letzte Bastion der Rebellion, so gefiel sich Flauschi am besten.

Und was war das überhaupt für ein Wort: Zeitgeist? Wer sollte das sein? Warum hatte ein Geist das sagen über die Zeit? Es nahm sich vor, mal ein ernsten Wörtchen mit diesem Geist zu reden. Wenn man möglichst viele Dinge erleben und möglichst wenig enttäuscht werden wollte, musste man die Zeit einfach ablehnen – sie stand einem im Weg.
Und so seufzte es genüsslich, klopfte sich die Sandwich-Krümel vom Bauch und nahm sein Handy zur Hand. Als es gerade auf Instagram #pommes eingeben hatte, störte es ein nervig-grelles Bimmeln.

Garbor tippte zum wiederholten Male auf die kleine Metallglocke, die auf dem Schalter stand.

„Das kann doch alles nicht wahr sein. Da gehe ich einmal in meinem Leben in so ein Museum und niemand sitzt am Schalter.“

Garbor blickte sich um und konnte am Rande der Metallglocke einen klitzekleinen Zettel in krakeliger Handschrift ausmachen: ‚Mittagspause. Komme wahrscheinlich wieder. Lesen Sie doch so lange unsere Broschüre.‘

Doch weder am Schalter noch in der näheren Umgebung war eine Broschüre zu sehen. Gerade als Garbor erneut klingeln wollte, erschien ein wohl gelauntes, flauschiges Wesen, ließ sich zufrieden auf dem gepolsterten Hocker fallen und lächelte ihn freundlich an.

„Hach. Das war aber lecker. Und jetzt zu Ihnen: Hallo und herzlich Willkommen im Museum. Was kann ich für Sie tun?“

„Erm. Was ist denn das für ein Schild? Ist das üblich, dass während der Öffnungszeiten der Schalter nicht besetzt ist?“

„Was ist schon üblich? Gerade, wenn man nach so einem schönen Sandwich mit etwas zu viel Mayonnaise, ein kurzes Nickerchen machen will und dann doch bei Instagram hängen bleibt. Seitdem es Instagram gibt, schlafe ich eigentlich gar nicht. Und dann frage ich mich immer, was ich eigentlich gemacht habe. Ich fühle mich dann so leer, obwohl ich nicht mal wusste, was ich eigentlich wollte. Hah. Wie im echten Leben! Wussten Sie, dass die Amerikaner ein Wort für sowas haben? ‘Timesink’. Weil man die Zeit wie in einem Ausguss hinunter spült und diese für immer verloren ist. Lustiges Bild, hmm. Jedenfalls, wenn man an Zeit glaubt. Verstehen Sie?“

„Ehrlich gesagt, nein. Ich bin nicht auf Instagram.“

„Aha. Wo kommen Sie denn her?“

„Was hat das denn mit Instagram zu tun?“

„Nichts. Wir führen hier eine Statistik der Besucher und wollen wissen, wo die so herkommen. Heute sind ja Daten alles! Wer keine Daten hat, der hat keine Ahnung. Wer keine Ahnung hat, hat keine Macht. Wenn sie mich fragen: Ich halte es für Dummschwätzerei von Marketing-Hirnis. Ich denke Daten sind der Teufel! Aber ich reg mich schon wieder auf… Also: Wo kommen Sie her?“

„Also, also ich komm aus Berlin. Märkisches Viertel ursprünglich, aber jetzt wohne ich in Pankow.“

„Märkisches. Aha. Ich dachte immer, Menschen aus dem Hochhaus gehen nicht in Museen.“

„Was soll das denn heißen?“

„Das heißt, ich habe Vorurteile gegenüber dem Prekariat. Sicherlich anfechtbar, aber spreche ich ja auch von Vor-Urteil. Deutsch ist immer wieder eine schöne Sprache, finden Sie nicht auch? Naja, Schwamm drüber. Was ist denn nun mit Karten?“

„Ja. Klar! Zwei Stück, bitte.“

„Das ist die richtige Entscheidung. Und weil du aus dem Hochhaus kommst, sind wir per du und drück ich n Auge zu! Hah. Reimt sich! Machen wir also ermäßigt. Zwölffünfzig.”

“Mit Karte, bitte…”

“Wir nehmen nur Scheine.”

„Wie soll das denn gehen, bei 12,50€?“

„Willste jetzt Karten oder was? Guckt dir mal die Schlange an! Andere Leute wollen auch noch in die Ausstellung.“

„Ist ja gut. Hier, 20 Euro.“

„Danke. Aaaaalso, einfach geradeaus durch und dann einfach dem Gefühl folgen. Wir bieten übrigens keine Audiotour an. Leute, die Audiotouren in Museen machen sind wirklich das allerletzte! Wo bleibt denn da der Spaß?”

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