Ein Reisebericht

Garbor betritt den rötlich schimmernden Raum durch einen ebenso albernen wie antiquierten Perlen-Vorhang und sieht den Dünnen, wie er auf der Lehne eines braunen Cordsofas hockt.

Auf dem Sofa sitzen zwei jungen Frauen mit Topfhaarschnitt und zum Platzen aufgerissenenen Pupillen, die ihre Gin Tonics umklammern, als wäre es die Bibel, ein Fabergé-Ei oder schlimmeres.

„(…) das ist so Musik zu der man nackt auf Heroin schwimmen gehen möchte, man dabei ertrinkt, aber das voll okay ist und man anschließend als durchsichtiger, blassblau-leuchtender Oktopus wiedergeboren wird. Die ersten Töne sind so eine wundervolle Mischung aus Nero d’Avola und Tramadol, dass man… Heeeey, schaut mal, wer hier ist: Mein bester Freund, der Garbor. Garbor, darf ich vorstellen?“

„Darfste nicht. Interessiert weder die beiden noch mich. Wo ist das Paket?“

„Das Paket! Welches Paket?“

„Das Paket auf dem mit großen Druckbuchstaben G ARB O R draufsteht und daher wahrscheinlich für mich ist.“

„Ach, das Paket. Das Paket ist weg.“

„Wie weg?“

„Ich denke, es ist keine gute Idee, wenn du weißt wo das Paket ist.“

„Was soll denn das heißen? Es ist doch aber mein Paket.“

„Garb, nur weil da dein Name drauf steht, ist es ja nicht deins. Also, nicht gut für dich jedenfalls.“

„Woher willst du denn wissen, ob es gut für mich ist? Ich bin ja noch immer ich und du bist du!“

„Ist dem so?“

„Was?“

„Jedenfalls habe ich versucht reinzugegucken und musste zu deinem Schutz entscheiden, dass du das Paket leider nicht bekommen kannst.“

Garbor verlässt den Raum durch die große Flügeltür zu seiner linken und geht durch das Schwimmbad auf den Balkon. Vom Balkon aus kann man den Eiffelturm sehen.

„Wusstest du, dass es verboten ist, den Eiffelturm Nachts zu fotografieren?“

„Huh? Was?“

„Die Société hat es verboten.“

„Und du bist?“

„Ich bin Juli.“

„Und du bist von der Société?“

„Nein. Aber ich habe dein Paket.“

„Kann ich es haben?“

„Nein, leider nicht. Noch nicht.“

„Und wann meinst du kann ich…“

„Weisst du Garbor, ich denke, du stellst die falschen Fragen.“

„Und richtig wäre…“

„Sich die richtigen Fragen zu stellen. Zum Beispiel: Warum will ich das Paket haben? Was werde ich machen, sobald ich das Paket habe? Macht mich das Paket glücklicher? Was bedeutet Glück wirklich für mich? Was mache ich, wenn ich glücklich bin und dann merke, dass ich keine echten Ziele mehr habe, außer mit aller Macht mein Glück festzuhalten?“

„Nun ja, das ist doch alles sehr einfach: In dem Paket ist die Vergangenheit. Die ganzen Sachen von damals und gestern und überhaupt. Die Erinnerungen und Narben, die unendlichen Nächte und die Tage, die niemals enden sollten. Die Mathe-Hausaufgaben und der erste Kater. Das Lachen meiner Mutter und die Stimme meiner Oma. Tischtennis mit den Jungs, das Herzklopfen, Basketball im Sommer und all die Träume. Die Zweifel, die Trauer, der Verlust, die Enttäuschung und die  furchtbaren Selbstzweifel. Der Tod meiner Freunde, die Angst von der Steuererklärung und der Lippenstift auf meinen Wangen. Du undendlichen Möglichenkeiten und die eigene Courage. Die erste Panik-Attacke und die Umarmung meines Vaters. Die Träume vom Herauskommen, von der Karriere, die Welt sehen und Herr der eigenen Zukunft sein. Das eigene Lachen und all die wundervollen Dinge, an die man  viel zu lange nicht gedacht hat — aber die immer da sind, egal wohin du gehst.

Das ist da drin. Und das einzige, was mit man mit der Vergangenheit machen kann ist, sie freizulassen.“

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