Beförderung

Garbor betrat den rechten Raum der Galerie. Wände und Decke waren weiß, der Fußboden war glatt schwarz gestrichen, so dass sich die grellen Deckenleuchter wie in einer Pfütze spiegelten.

In diesem Raum hing ein einziges großes Bild, sicher sechs Meter langes und zwei Meter hohes Gemälde. Auf dem Bild standen mit weißer Schrift auf schwarzem Grund Namen. Es waren die Namen aller Soldaten, die jemals posthum eine Auszeichnung erhalten hatten. 

Darunter stand ‘Beförderung, 2012’

Garbor wollte näher an das Bild heran, als das Flauschekrokodil hereintappste und leise schmatze. In seiner Linken Hand hielt es eine Schale Pommes von der Ketchup auf den Fußboden tropfte. Als es Garbor erblickte sah es auf und seufzte leise.

Flauschi setzte sich auf die Betonbank, die in der Mitte des Raumes stand und von der man das Bild sehr gut im Blick hatte. Es hielt Garbor die Schale hin:

“Willst du Pommes? Sind ganz frisch! Hab ich selber gemacht!”

Garbor trat den Schritt zurück und setzte sich neben das kleine Wesen, das auf einmal ganz nachdenklich und leise wirkte.

“Danke, gerne.”

“Ich weiß nicht so recht, was mir das Bild sagen will. Ich war nie im Krieg und ich bin auch nie befördert worden. Was denkst du?”

“Ich weiss nicht. Ich denke, dass ich früher immer befördert werden wollte, damit ich endlich mit Brief und Siegel die Anerkennung bekomme, die ich verdient habe. Ich habe immer so hart gearbeitet, damit die Leute sagen ‘Gut gemacht, hier hast du ein Leckerli. Jetzt schön zurück an deinen Arbeitsplatz. Und weil du befördert bist, darfst du heute länger bleiben. Huuuurrrraaaa!’

“Gab es das wirklich mit Brief und Siegel?”

“Nein, das sagt man nur so. Es gab eine kurze Mail und eine Gif-Animation.”

“Also sind Beförderungen eigentlich nutzlos?”

“Nein, manchmal sind sie Anerkennung. Rein und wahr. Sie sind ein echtes Lächeln, das in den Augen stattfindet. Herzenswärme und Stolz, die man in den Seelen der Menschen lesen kann, weil sie sehen, dass man eine Entwicklung gemacht hat. 
Aber manchmal sind Beförderungen unnötig lebenserhaltenden Maßnahmen, damit das Krebsgeschwür noch eine Weile langsam wachsen kann. Damit man nicht aufhört, obwohl alles schon viel zu spät ist. Weil man sich dann einredet, dass man den Schmerz in der Seele für fünftausend Euro mehr im Jahr gut aushalten kann. Zu erkennen das es zwei völlig unterschiedliche Dinge sind, die bei demselben Wort genannt werden, dass ist schwer.”

“Ich glaube ich möchte keine Beförderung haben. Ich würde gerne in den Arm genommen werden.”

Also nimmt Garbor das Flauschekrokodil in den Arm. Ketchup verteilt sich auf seinem Pulli und es macht ihm überhaupt nichts aus. 

Garbor freut sich, dass er in den letzten Jahren insgesamt null mal befördert worden ist. Er freut sich, dass er zuhause sitzt und die Zeit die er hat mit atmen verbringt. Das er einen Tisch gebaut hat und spazieren geht. Das er einfach da ist und auch niemals wieder irgendwo anders sein will.



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