Untergang, 15.40 Uhr

Garbor betrachtete die Pistazienschalen in seiner Hand und versuchte sich daran zu erinnern, wie er hierher gekommen war.

„Drück mir die Daumen, Garb, vielleicht schaffe ich es zum anderen Ufer. Ich hole Hilfe. Ganz sicher. Du musst dir keine Sorgen machen… ich komme wieder. Hey! Hey, Garb, hörst du mich? Ich komme wieder, ja?“

Der Dünne war vor Tagen in dem immer dicker werdenen Nebel verschwunden und war nicht wieder aufgetaucht.

Garbor nahm die Pistazienschalen und kippte sie aus dem Fenster. Aber das Fenster war weg; die Zitadelle war nur noch Schutt und Asche. Die pastellfarbene Deckenmalerei, das Treppenhaus, das sich anfühlte wie ein Bild von Escher, die grostesken Büsten und der lichte Garten. Nichts war mehr da. Er konnte nicht mit Bestimmheit sagen, ob er noch wirklich da war. 

Vor Tagen hatten die Artillerie-Granaten wieder angefangen und er konnte vereinzelte Schreie und Ruf durch den Nebel hören. Gewehrfeuer und das Surren der Geschosse. Immer, wenn sie aber ganz nah zu kommen schienen, wenn sie unmittelbar neben seinem Gesicht auftauchten, wurden sie durch eine scharfe Klinge abgeschnitten und verstummten. Garbor wunderte sich und nahm sich vor, den Nebel zu beobachten. Es musste doch irgendetwas zu erkennen sein. Nach vielen Stunden wurden seine Augen und seine Kehle trocken, seine Beine taten ihm weh und er hatte schwefeligen Geschmack auf der Zunge.

Komisch.

Garbor schloß die Augen und atmete tief ein. Er hörte den Mann mit der tiefen Stimme, der ihm stets riet seinen Atem zu beobachten statt zu beurteilen. 

„Beurteilung, Garbor, damit fängt alles an. Und leider, leider hört es damit auch auf.“

Früher war es ihm schwer gefallen. Im Stillen der Nacht, wenn es am ungünstigsten war hatte er sich selbst beurteilt. Er kämpfte sich von einer Seite auf die andere, verschlang Stunde um Stunde, bis die Sonne endlich aufging und er aufhören durfte. Damals wurden seine Augen immer grauer und schmaler, der Atem kam nur noch bis knapp unter den Adamsapfel und Garbor versuchte ihn kleinen Stücken langsam herunterzuschlucken. Das waren die schlimmen Jahre, die Jahre in denen Garbor nicht mehr wusste wer er eigentlich war und in der all das Pulver und die bunten Schuhe nicht mehr zu halfen.

Eines Tages aber hielt die Zeit an und Garbor ging einfach los. Der Dünne ging wortlos ein paar Schritte hinter ihm und manchmal konnte er ihn atmen hören, als wollte er irgendetwas sagen. Sie gingen tagelang, wochenlang, bis scheinbar Jahre vergingen, sie immer weiter flußaufwärts kamen und auf einmal die Zitadelle sahen. 

Damals war die Zitadelle schön und einladend, es duftete nach Jasmin und Lavendel, nach gebleichtem Papier und Ausgeglichenheit. Der Dünne hatte mit Gartenarbeit angefangen und schien ruhiger zu werden. Er hatte weniger Angst vor sich selbst und unter der Maske zuckten die Augen weniger ruckartig. Weniger laut war seine Stimme geworden; der Zwang sich zu erklären und gegen alles zu sein hatte abgenommen.

Bis der Nebel kam und der Dünne eines Nachts zu zittern anfing.

Jetzt saß Garbor einfach nur da, öffnete die Augen und schaute sich um. Der Nebel hatte jetzt fast alles um ihn herum eingenommen und fing langsam und vorsichtig an seine Arme zu berühren.

Als die Granaten im Innenhof wieder anfingen einzuschlagen zog er sich an und ging in den Nebel.

Er hatte keine Lust mehr zu warten.

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