Reisewarnung

“For what it’s worth: it’s never too late or, in my case, too early to be whoever you want to be. There’s no time limit, stop whenever you want. You can change or stay the same, there are no rules to this thing. We can make the best or the worst of it. I hope you make the best of it. And I hope you see things that startle you. I hope you feel things you never felt before. I hope you meet people with a different point of view. I hope you live a life you’re proud of. If you find that you’re not, I hope you have the courage to start all over again.”

– Francis Scott Fitzgerald

Anruf.

Der Dünne hatte wie immer seine wunderschöne Pferdemaske auf und lehnte an der Bar. In seiner Linken ein Glas Gin Tonic, in seiner rechten ein Nokia 6210.

„Garbor? Kannste mich hören? Ja, hier Dings, ich bins. Dünner! Wie? Wo ich bin? Ich bin in der Mitte von Sizilien. Also GENAU in der Mitte! Ist das nicht abegfahren? Nein, ich habe kein Ahnung, wie spät es ist, nein! Aber darum rufe ich auch gar nicht an! Ich wollte dir nur sagen, es ist gut! Also, ich meine, hier. Klar. Klar, ja. Aber es gibt hier keine Zigaretten, Garbor. Kannst du dir das vorstellen? Alter! Ich sage dir. Ob ich wieder trinke? Ja klar! Das ist es doch. Wenn ich nicht trinken würde, wäre mir das mit den Kippen doch wurscht! Ob ich wissen will, was du machst? Nee. Eigentlich gerade nicht. Aber warte, ich kann es raten… hier ist voll laut und so! Also, warum haste eigentlich angerufen? Klick. Garbor? Ey. Ach, Penner.“

Garbor wachte mit einem fahlen Geschmack auf der Zunge auf. Es war exakt 7 Uhr, genau wie die letzten 114 Tage auch. Wieder hatte er diesen seltsamen Traum, der einfach keine Sinn machte: Warum sollte der Dünne auf Sizilien sein? Auf der anderen Seite: Warum sollte er nicht? Er hatte den Dünnen lange nicht gesehen und er machte sich langsam Sorgen um ihn.

Garbor musste also nach Sizilien. Und er musste Alkohol kaufen. Das lockte den Dünnen an, wie Licht die Motten.

Besitz.

Endlich auf Sizilien angekommen miete sich Garbor ein Auto und brauste los. Bevor er in die Mitte der Insel fuhr, wollte er einen Abstecher in Avola machen, um dort Wein für den Dünnen zu kaufen. Natürlich konnte man den Dünnen auch mit Gin von Lidl anlocken, aber wenn man schon mal hier ist, soll man sich ja nicht lumpen lassen. Und mal ehrlich: Wer fliegt denn bitte nach Sizilien, um dann zu Lidl zu gehen. Pfff. 

Stilechter Fiat 500 also. Dunkelgrau. Radio an, es läuft Mac Miller – wie soll es auch anders sein. Die Straßen runter. Am Plaza vorbei, wo die alten Männer in ihren Westen stehen, Kaffee trinken und diskutieren. 

Hin und wieder gucken sie sich nach einer großen, weißhaarigen Frau um, die so gar nicht in diese Umgebung passen will. Wie ein zauberhafter Geist von etwas, das man nicht wirklich beschreiben kann, so wunderschön und unecht.

Garbor versucht ihr auch nachzugucken, aber da ist sie schon wieder verschwunden. Genauso verschwunden wie der Grund, warum er hier ist. Warum er auf die Idee gekommen ist, herzukommen. Warum er dem Dünnen hinterherjagt, wie man der Idee von ersten Mal Kokain hinterherjagt. Nach einer Weile wird Garbor ganz schwindelig und er entscheidet sich kurz an die Seite zu fahren und für ein paar Minuten die Augen zu schließen.

Als er die Augen wieder öffnet, sitzt er auf dem Beifahrersitz des Fiats. Das Flauschekrokodil sitzt am Steuer und pfeift zur Musik.

“Ey, was machst du denn hier?”

“Ich fahre.”

“Halt sofort an!”

“Wir können hier nicht halten, das ist Fledermausland.”

“Der Satz kommt mir irgendwie bekannt vor.”

“Warst du schon mal im Fledermausland? Vielleicht liegt es daran!”

“Nein, ich war noch nie im Fledermausland. Was soll denn das überhaupt für ein Land sein?”

“Na, die Flagge ist Schwarz, mit so einem gelben Ball in der Mitte und eine stilisierte Fledermaus drauf!”

“Erm, das ist das Zeichen von Batman!”

“Batman? Wer soll das denn sein? Klingt ausgedacht.”

“Du kennst Batman nicht? Wo kommst du denn her?”

“Na jedenfalls nicht ausm Hochhaus. Also, wo muss ich hin?”

„Da vorne rechts, nach Avola.“

Einbahnstraße rechts, wieder rechts und dann am Teatro Garbibaldi vorbei und hoch zur Piazza Umberto. Überall an den Häusern steht ‘VENDI’ und es gibt mehr Todesanzeigen als Kinder in diesem schönen, aber irgendwie auch furchterregenden Ort. Der Altersdurchschnitt muss knapp unter 70 liegen. In zehn weiteren Jahren können sie den Rest der Stadt einfach vollkommen zukleistern, so alt sind hier die Menschen. Kein Wunder, dass alles zu verkaufen ist. Und wenn dann irgendwann alle tot sind, wer klebt dann überhaupt die Plakate? 

Garbor überlegt, ob er das Geschäftskonto auflösen soll und einfach die Stadt kauft. Es ist einfach zu schön, als dass man es verfallen lassen kann. Aber dann hast du eine italienische Kleinstadt an der Backe und dann?

Alles an ein Filmstudio verleihen, weil du denkst, dass eine Epoche des dystopischen Italo-Western beginnt? Das Kamerafahrten von Emmanuel Lubezki fortan in einer postapokalyptische Szenerie zwischen Barok und Goldgräberstadt des 23. Jahrhunderts stattfinden? Hoffen, dass es ein Remake von ‚The Good, the Bad and the Ugly“ gibt? In den Hauptrollen: Ralph Fiennes als Sentenza, Idris Elba als Blondie und Javier Bardem als Tuco. Überall Dreck, Neonreklame a la Neuromancer mit einem Soundtrack von Lorn.

Jetzt mag sich der eine oder andere aufregen. Einen Idris Elba als Blondie zu nehmen ist einfach zu offensichtlich. Ich meine, gefühlt seit 10 Jahren versucht die Presse den armen Kerl jetzt als den nächsten Bond einzusetzen. Er hat wahrscheinlich mittlerweile selber keinen Bock mehr drauf. Und selbst wenn er es dann wird, regen sich alle darüber auf, dass es keine Frau geworden ist. Aber, liebe Freunde, ein schwarzer Präsident macht noch keine weibliche James Bond. Bei allen Fridays for Future haben in dieser Welt noch immer die Feigen und die Dummen das sagen.

Er fährt zur Bank und holt das Geld. Den Dünnen konnte er auch noch später suchen, der tauche sicher auf, sobald der erste Aperol auf dem Tisch stand.

Im Büro des Bürgermeisters angekommen, werden die letzten Formalitäten geregelt:

„Guter Herr Garbor, danke, dass sie Avola kaufen. Hier ist ihr Kassenbeleg. Darf ich sie darüber informieren, dass sie mit dem Kauf die Verantwortung für die Mohnblumen-Bepflanzung entlang der Küste eingehen? Wir legen großen Wert auf unsere Erscheinung! Wir brauchen ein ausgewogenes Verhältnis unseres Stadtbildes und sind sehr erpicht da-…“

Garbor wird wieder schwindelig und plötzlich verschwindet die Stimme des Bürgermeisters. Auf einmal steht er in einem von kühlem blau erleuchteten Raum und blickt auf ein Mohnblumenbild von van Gogh, als plötzlich das Flauschekrokodil um die Ecke biegt.

“Hallolo. Wie gefällt dir denn das Bild?”

“Wie bitte?”

“Das Bild. Hab ich in Kairo gefunden!”

“Ich weiß nicht.”

“Du weißt nicht, wie du das Bild findest? Das ist n bisschen dünn, nicht wahr?”

“Sag mal… ich glaub, ich hab mich ein bisschen übernommen hier. Ich wollte doch nur den Dünnen finden. Wie soll ich denn für die Bepflanzung entlang der Küste verantwortlich sein? Ich habe überhaupt keine Ahnung von Pflanzen. Und woher habe ich eigentlich das Geld, um eine ganze sizilianische Kleinstadt zu kaufen?”

“Na, du hast es jedenfalls. Ist doch egal, wo es herkommt. Oder nicht?”

“Wie soll denn das egal sein? Es kann doch nicht sein, dass ich das Geld habe, um ne ganze Stadt zu kaufen und nicht weiß woher das ist! Wenn ich doch nur wüsste, wo der Dünne ist!”

“So viele Fragen und sooo wenig Knabbersachen. Ich geh mal in die Caféteria. Du machst das schon, viel Spaß Garbi!”

Garbor steht noch eine Weile vor dem Bild und ist sich auf einmal ganz sicher, das er mit van Gogh überhaupt nichts anfangen kann. Also entscheidet er sich auf ein Glas Wein ins Fitzgerald zu gehen. 

Tanzen.

Dort sieht er den Dünnen. Durch das zuckende Stroboskoplicht kann Garbor erkennen, dass der Dünne seine Maske abgesetzt und sein Lächeln aufgesetzt hat. Er lehnt an der Bar, winkt ihm zu und legt seinen Arm um seine Schulter.

„Is hab hööööstens einem virtel Liter intus, Graaabo. Hössstens! Ich swöre.“

Er beobachtete den Dünnen, wie er vorsichtig zur Seite taumelt, ein Mädchen langsam lächelnd an ihrer Hand drehte, während ihr Kleid beiläufig seine Beine streift. Alles in Zeitlupe und alles in einem wunderschönen Licht von Tulpen und Pastell, einem seltsam satten Bass und einem Gefühl von Vetiver und Bergamotte.

Manchmal dachte er, der Dünne, was ein Typ.

An der Seitenline des Spektakels unterhalten sich zwei Frauen miteinander:

„Und jetzt?“

„Jetzt, Kindchen, jetzt wünscht du dir nichts sehnlicher, als einen Drink. Einen starken. Und mach schnell, da kommt der Dünne schon. Lächle recht fein, dann nimmt er als nächstes dich mit zum Tanz!“

„Und was ist wenn ich nicht will?“

„Sei nicht albern, Kind!“

Doch die Vorstellung ist genauso schnell vorbei, wie sie aufzogen ist.
Da schnellt ein Reporter auf den Dünnen zu, zittert eine Zigarette aus dem Etui und bietet sie ihm dem tanzenden Halbgott auf Novocain an.

„Herr Dünner, verzeihen Sie, eine Frage bitte! Der Tanz eben, das muss doch einstudiert gewesen sein! Wer war die unbekannte Schönheit an ihrer Seite? Möchten Sie ihren Fans noch etwas sagen?“

Der Dünne blickt den Mann verächtlich an, küsst ihn wild auf Mund und Hals und stakst wie auf Absätzen zur Bar und bestellt Shots. Nach ein paar Minuten kommt er dann mit einem wunderschönen Gemälde einer schottischen Landschaft und einem neuen Tattoo zurück.

„Graaabor. Du musst eines vstehn. Die meisten Menschen nhmen sich für die falschn Sachen zu viel Zeit. Die denken, man sollte nichts überstüzn, weil sie Fozn sind. Weil sie denken, das man mit denken alles hinbekommt. Aber: Nee. Stimmt nicht. Postrationalisierungfozn. Dis is was es is. Verstehste?“

„Teilweise, mein unbekleideter und betrunkener Freund, teilweise.“

„Nichts überstüzn. Bisschen ma gucken, vielleicht ist morgen wieder alles in Ordnung, nach einem Bier nach Hause, Vernunft ist der Mutter der Porzellanfoze. Du weisst was ich meine. Stell dich nicht so an. Du bis so einer, manschmal.“

„Und jetzt?“

„Nee, diesma bisse es nicht. Diesma nich, Garb. Diesma ausatmen und losrenn. Gewitter und Regen – jeder Tag wunderschöner Frühlingsregen. Wilde Haare und alles klatschnass und zum heulen schön. Diesmal 35 Grad und auf der Bettkante sitzen, rauchen, aufs Meer starren und atmen. So wunderschön und so echt. Alles ist voller Hoffnung und knistert. Diesmla machste alles richtig, selbs, selbs wenn nich.“

„Ich hoffe es sehr, mein Freund.“

In The Shawshank Redemption sagt Red zu Andy ‘Let me tell you something my friend. Hope is a dangerous thing. Hope can drive a man insane.’ 

Hoffnung nicht mit Erwartung zu verwechseln, das ist die Kunst. Den schmalen Grat zwischen rumsitzen und hoffen und losrennen und erwarten zu überqueren, das ist es worauf es ankommt. So viel im Jetzt zu sein, wie es nur geht, wer wir sind und was wir in diesem Augenblick haben – das ist es, worauf es ankommt.

Hoffnung also ist die einzige Möglichkeit überhaupt ein Leben zu führen. 

Am Ende schreibt Andy in seinem Brief an Red dann ‘Remember, Red. Hope is a good thing, maybe the best of things, and no good thing ever dies.’

Wie recht er hat.

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