Spring

Garbor hatte das Mädchen Marie vor gut zwei Jahren kennengelernt. Er hatte sie in einer Bar gesehen und sich sicherlich zwei Stunden überlegt, was er sagen könnte. 

„Wie wäre es, wenn du einfach rübergehst und ‚Hallo‘ sagst.“

Der Dünne war wie immer einfach so aus dem Nichts aufgetaucht. Dieses Mal hatte er allerdings keine Pferdemaske auf. Er trug ein sauberes, weißes Hemd mit Rundhalskragen. Seine Haare waren frisch geschnitten. Auf seinem Rücken war ein seltsamer Rucksack geschnallt, der über seiner Brust mit einem weiteren Gurt befestigt war.

„Dünner, ich glaube, du kann hier im Augenblick… Moment mal. Wie siehst du denn aus?“

„Ich? Ach nichts, ich bereite mich nur vor.“

„Worauf denn?“

„Das ist jetzt nicht so wichtig, wichtig ist nur, dass du jetzt aufstehst. Ich meine jetzt, Garbor. Nicht in einer Woche und auch nicht in fünf Minuten. Ich möchte nicht unnötig dramatisch erscheinen, aber unser beider Leben hängt davon ab.“

Garbor schloss langsam die Augen und atmete aus.

Er war alleine in dem weißen Raum, der weder Ecken noch Türen noch Fenster hatte. Ungefähr zehn Meter vor ihm saß ein Mann an einem schlichten, weißen Eiermann-Tisch. Links auf dem Tisch stand eine grüne Tischleuchte, wie man sie aus alten Bibliotheken kannte. Rechts lagen – fein säuberlich übereinander gestapelt – fünf Bücher mit schwarzem Einband und roter Schrift auf ihren Rücken. 

Der Mann trug ein schönes, blaues Hemd, dass er an den Unterarmen aufgeknüpft und hochgerollt hatte. In seiner linken Hand hielt er ein Buch, in seiner rechten einen Füllfederhalter mit dem er Notizen auf einem großen Notizblock vor sich machte. Er trug beträchliche, aber wohl gepflegte Kottletten und einen haselnussbraunen Seitenscheitel. Am voderen Ende des Tisches stand ein kleines Messingschild auf dem in sauberer, serifenloser Schrift „WOLFGANG“ stand.

Als Garbor vorsichtig voran ging und sich räusperte, legte der Mann Buch und Stift zur Seite, schob seine goldene Brille nach oben und faltete seine Hände auf dem Tisch zusammen.

„Hallo Sohn. Was kann ich für Dich tun?“

„Nun also, ich weiß nicht so recht. Ich bin zufällig hier.“

„Nein.“

„Nein?“

„Nein. Niemand ist zufällig hier. Ganz generell nicht und vor allem nicht hier im Speziellen. Noch zwei Versuche.“

„Also gut. Ich bin hier, weil ich etwas suche?“

„Geht’s vielleicht ein bisschen genauer?“

„Ich… ich suche Antworten?“

„Ach je, was glaubst du, was das hier ist? Eine Fernsehsendung?

„Okay okay, ja. Tschuldigung. Also: Ich suche mich.“

„Und warum kommst du dann hier her, Junior?“

„Ich dachte, hier ist immer alles ordentlich abgeheftet und katalogisiert und so. Hier sind vor allem so viele Sachen… Ich dachte, da finde ich etwas? Ich wusste ja gar nicht, das du hier bist!“

„Ja, ich bin manchmal hier. Ich gucke dann nach dem rechten und räume ein bisschen auf. Aber dich selbst hier finden? Nein. So funktioniert das mit dem Leben nicht, Garbor. Und du hast das in Wirklichkeit verstanden, nicht wahr? Du bist nicht hier, weil du Antworten suchst. Du bist hier, weil du Angst vor Entscheidungen hast. Das hier ist ein Ort, in dem die Vergangenheit liegt. In der Vergangenheit liegen aber keine Entscheidungen. Da liegen nur Erinnerungen.“ 

„Ja. Aber ich habe ein bisschen Angst vor Entscheidungen.“

„Das macht nichts. Alle haben Angst. Viel mehr und viel öfter, als sie denken und noch viel häufiger, als sie zugeben. Ich hatte ganz viel Angst – ich habe es nur nie jemandem verraten. Aber du musst aber gerade gar keine Angst haben. Du musst einfach nur los.“

Garbor öffnete die Augen und stand vor dem Mädchen mit dem wundervollen Lächeln und dem vorsichtigen Zucken an ihren Augenlidern. Sie sah ihn direkt an.

„Hallo. Mein Name ist Garbor. Möchtest du mit mir über eine Klippe springen?“

Marie hatte ihn für einige Zeit, die ihm wie eine Woche vorkam, friedlich nachdenkend angeguckt und dann seine Hand genommen.

„Ja. Das habe noch nie gemacht.“

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