Graupenschauer

Als Garbor aufwacht ist Graupelschauer. Schon das Wort klingt wie Scheisse. Wie Graupen halt.  Nur halt mit L. Aber Garbor kann nicht anders, als an Graupen zu denken. Ein Bild schleicht sich in seinen Kopf, bei der er wieder 12 Jahre alt ist und seine Mutter am Frühstückstisch vor ihm steht:

„Guten Morgen, Garbileinchen, du kannst dich auf einen schönen Mittwoch freuen. Den unbedeutesten Tag der Woche. Heute gibt es drei Mal Graupensuppe. Habe ich dir für die Schule schon mal in deinen Tornister geschüttet. Denk daran, du hast heute 6 Stunden Mathe, dein Lieblingsfach. Wie wäre es denn, wenn du mal die beigefarbenen Kniestrümpfe anziehst, zur Feier des Tages?“

Natürlich hat so ein Gespräch nie stattgefunden. Bei alldem, was früher nicht so ideal gelaufen ist, niemand hat Garbor jemals gezwungen Graupen zu essen. Aber trotzdem: G R A U P E N. Wer nennt denn irgendwas so? Klingt wie graue Raupen. Irrr.

„Wie schmecken die denn?“

„Na so eine Mischung aus Langweile und Unbehagen. Als wenn sie eine Panikattacke bekommen würden, aber die viel viel zu müde ist und sie deswegen einfach eine SMS schickt. ‚Nichts passiert. Trotzdem Buh!“ Im Abgang so wie kalter Kamillentee, der über Nacht draußen stand und Opa seine Zigarette morgens reinfallen lassen hat. Und n bisschen wie Mundgeruch nach Mandelentzündung.“

„Na, das ist ja toll! Dann nehme ich zwei Dutzend Packungen.“

Garbor nimmt den pinken Plastikstuhl vom Balkon, stellt ihn unter die Dusche und bleibt dort für exakt 13 Minuten sitzen, während er sich versucht irgendwas spannendes vorzustellen – ohne Erfolg.

Deutsch ist eine seltsame Sprache. Ein wundervolle Sprache, mit der man einfache Dinge kompliziert und borstig klingen lassen. Hier: borstig. Schon wieder so eines. Und vorhin. Tornister. Wer hat schon Bock irgendwo hinzugehen, wenn man einen Tornister und Strümpfe tragen muss? Wer hat schon Lust auf Beischlaf, wenn es klingt wie Brennnesselteebrühanleitung? 

Ich glaube, deswegen habe ich auch so oft Angst vor Poesie gehabt, weil Gefühle so schnell prätentiös klingen können. Holprig und distanziert, als würde sie ein blasser Mann mit Halstuch schreiben. Der steht dann in einem Zimmer, in dem es immer ein bisschen zieht. Mit brüchiger Stimme liest er es einer Gruppe Literaturstudenten mit Schlaghosen vor, während er ein ganz kleines bisschen einpullert.

Aber natürlich stimmt das nicht. Neben all den Arschlochworten haben wir ein ganzes Sammelsurium an tollen Worten: Würde, Liebe, Anmut, Zauberei und Glockenspiel sind nur fünf davon.

Das schöne an Graupelschauer ist ja, das er weich ist. Im Gegensatz zu Hagel tut er gar nicht weh, er legt sich mehr so auf dein Haupt, als würde er sagen wollen:

‚Hallo, ja, wird ein schwerer Tag. Aber das ist nicht schlimm. Nimm deinen Stoffpinguin und ab unter die Decke. Für draußen sein ist heute eh kein guter Tag. Feuer frei und weiteratmen.‘

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