Schlafanzugentzug

Es ist zu spät, die haben die Bomben gezündet. Das waren die letzen Worte, die ich heute Nacht gehört habe. Dann wollte ich aus dem Raum gehen, in dem mein Bruder, das Mädchen Marie und ich standen. Ich dachte, wir können noch irgendwo hin. In einen Bunker oder sowas. Ich habe die kalte Klinke der Tür herunter gedrückt, aber dann habe ich den hellen Blitz gesehen. Wissen Sie, das war so eine seltsam wohlige Wärme, die auf einmal alles umschloss. Und dann diese Musik.

‚I swear I’m not angry, that’s just my face
A copycat killer with a chemical cut
Either I’m careless or I wanna get caught
Who I’m not‘

Kennen Sie Phoebe Bridgers? Na jedenfalls, wusste ich dann: Wir sind alle tot. Dann bin ich aufgewacht.“

„Warum glauben Sie, eine Therapie ist jetzt das Richtige für Sie, Garbor?“

„Gegenfrage: Hatten Sie keine Kindheit? Sind sie nicht schon mal Menschen begegnet? Anders formuliert: Kennen Sie irgendwen, der keine Therapie braucht?“

„Nein, aber das war nicht meine Frage. Meine Frage war: Warum will Garbor eine Therapie machen?“

„Vielleicht bin ich nicht mehr so stolz wie früher oder habe ein paar Dinge in meinem Leben besser im Griff als früher. Vielleicht sind es auch einfach noch immer die Nächte. Die Träume, um genau zu sein.

Ich habe keine Angst vor den Nächten. Ich habe auch keine Angst mehr vorm Wachliegen. Nicht wie früher, als ich die Stunden heruntergezählt habe, die mit noch bleiben, bevor ich dann total zerstört in den nächsten Tage torkeln musste. Damals hatte ich Angst. Das ist besser geworden. Aber ich wache noch immer jede Nacht auf. Nicht eine Nacht, in der ich durschlafe. Nie. Wenn ich wach werde, ist das oft so, als würde da jemand an meiner Seele ziehen. Immer in dem Augenblick, wo ich dabei bin wieder einzuschlafen, kommt jemand und gibt meiner Seele einen kleinen Klapps auf den Hinterkopf. Hey, Garbor, nee. Wir sind hier noch nicht fertig. Wach bleiben! Das ist so, wie wenn man als Kind den Schorf von einer Verletzung immer und immer wieder aufkratzt. Nicht wirklich schlimm — aber Narben bleiben doch. Ich glaube, ich habe mit dem Wachliegen ganze Jahre verbracht. Es ist ja nicht so, als wäre ich da immer traurig oder verzweifelt. Ich würde nur gerne wissen, woher es kommt und ob es vielleicth doch mal weggeht. Das hätte ich einfach gerne gewusst, wissen Sie?

„Taucht der Dünne in Ihren Träumen auf, Garbor?“

„Wir wissen beide, wer der Dünne ist.“

„Dann fangen wir besser an.“

I talk myself out of myself
When I’m overwhelmed
Is there a way to feel free
Without being someone else?

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