Zu verschenken

„Hey, hier ist Marie, spreche ich da mit Garbor?“

„Yep, der ist dran.“

„Du, ich ruf wegen deiner Anzeige an.“

„Ja, cool. Also: Wie ich in der Anzeige geschrieben habe: Ich verschenke meine Zeit. Nicht alle natürlich. Ein bisschen brauche ich ja auch. Aber ich habe gerade ne Menge übrig und mir ist viel langweilig gewesen, gerade am Wochenende.“

„Aber du, wie soll denn das gehen?“

„Na hmm. Ich kann dir die einfach schicken, oder? Ich stelle mir das so vor: Wenn du jetzt am Samstag zum Beispiel zwei-drei Stunden extra brauchst, dann kannst du die haben. Ich leg mich dann auf die Couch, sagen wir mal um 14 Uhr und du kannst die Stunden dann extra nutzen für was immer: Aufräumen oder Einkaufen oder dich mit deinen Freunden treffen. Und wenn ich das nächste mal blinzele ist es so 17 Uhr oder sowas.“

„Du, Garbor, das funktioniert glaube ich so nicht.“

„Na okay, ich könnte auch einfach sagen, ich geh früh ins Bett, also sagen wir 21 Uhr?  Dann hättest du Abends mehr Zeit um Leute zu treffen oder Saufen oder so.“

„Nein, ich meine, man kann seine Zeit nicht verschenken. Das geht technisch nicht.“

„Ach, hmm, okay. Das ist ja doof. Ich mein. Die Leute sagen doch immer ‚Man solle seine Zeit nicht verschenken‘, das habe ich nie verstanden. Wenn jemand was verschenken will, ist doch nett. Vor allem Zeit. Die meisten beschweren sich ja, dass sie zu wenig davon haben. Keine Zeit für Sport, für Lesen, sich auf nen besseren Job zu bewerben, mal das Bad zu streichen oder sich Gedanken zu machen über die Bedürfnisse in ihrer Beziehung. Da wollte ich helfen. Ich hab einfach gerade keine große Lust und weiß mit meiner Zeit nichts anzufangen. Ich sitz einfach so rum und starre in die Gegend. Eigentlich ist es mehr starren, weißt du? Das ist an sich ganz schön, aber dann nehm ich wieder das Handy in die Hand und scrolle und swipe und dann das Buch wieder und dann wieder das Handy. Kennste das? Ich weiß auch gar nicht, wo hin ich starre. Eben ists noch Samstagfrüh und ehe ich mich versehe ists auch schon Sonntagnachmittag. Das fühlt sich alles sehr seltsam an gerade. Wofür brauchst du denn die Zeit?“

„Ich wollte mal einfach ein bisschen schlafen.“

„Das kann ich gut verstehen. Du kannst ja auch einfach rumkommen und ich passe so lange auf dich auf. Dann kannst du schlafen und ich mache dir nen Tee, wenn du aufwachst.“

„Deal.“

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