Aufwachen in Tuxford

„… wie sie also sehen: Ein Buch zu schreiben ist, wenn man ehrlich ist, eine der leichtesten Sachen der Welt. Ich hoffe, Sie hatten ein bisschen Spaß heute. Sie glauben ja gar nicht, wie viel Spaß es mir gemacht hat.“

Die Menschen erhoben sich allesamt und nach einer kurzen Pause regnete es heftigen Applaus, vereinzeltes Johlen und laute ‚Bravo!“-Rufe. Garbor erhob die Hände zum Dank, stand von seinem Barhocker auf und verbeugte sich (wie er nachher empfand etwas zu theatralisch) langsam und lächelte. Eine Woge der Wärme schwappte ihm entgegen. Von der Veranda des Saals schienen die letzten Strahlen Sonne durch und der Raum schien von einer goldenen Aura der Glückseligkeit erhellt zu werden. Eine junge Frau kam zögerlich auf die Bühne und streckte ihm sein Buch entgegen. Ihr Haar war golden und ihre Augen funkelten – sie musste geweint haben.

„Ein Autogram, bitte?“

Die Menge hielt inne. Der Raum war auf einmal totenstill und man konnte spüren, wie die Menschen den Atmen anhielten. Es war, als wäre jedes Geräusch aus dem Raum heraus gesaugt worden. Das einzige, was Garbor hörte, war das ticken der Uhr hinter ihm und sein eigener Herzschlag.

Er nahm das Buch und betrachtete es. Der rote Einband war so wie er sich es sich immer gewünscht hatte. Eine schlichte, weiße Typografie schmückte das Cover. Kein Firlefanz, keine abstrakte Illustration oder noch schlimmer: vollkommen sinnlose und unpassende Stock-Fotografie. Einfach nur der Titel des Buches und darunter sein Name. Garbor.  Sein sehnlichster Wunsch war es immer die eigenen Gedanken und Gefühle ausdrücken zu können und damit andere Menschen zu bewegen. Und jetzt das hier. Sein Buch – endlich. Er beugte sich ganz nah zu der Frau und fragte leise, fast schon flüsternd: „Wie heißt Du?“

Dann wachte er auf. 

Es war kurz nach 9 Uhr morgens, am 1. November. In genau sieben Stunden fand die Lesung statt. Auf dem Kopfkissen neben ihm lag sein Buch, darauf ein Post-It in seiner eigenen Handschrift „Du schaffst es.

Das Buch war leer.

 

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