Post aus Tuxford

Diese Geschichte fängt an wie ein schlechter Film. 

Eines Tages, mitten im Lockdown, kommt Garbor vom Einkaufen wieder und findet Post in seinem Briefkasten. Garbor mag keine Post. Eigentlich bekommen Menschen heute nur noch zwei Sorten von Post: Mahnungen oder Werbung. Wenn man ganz hartnäckige Verwandte hat bekommt man genau ein Mal im Jahr andere Post: Handschriftlich adressierte Briefe, die sich als Karten entpuppen auf denen irgendwelche Tiere Ballons halten und von Sternen mit grinsenden Gesichtern umrankt werden. Darüber steht, in glitzernder Schreibschrift, geschrieben „Zum Geburtstag viel blalblalblalalaa“. Heute ist aber nicht Garbors Geburtstag. Ganz im Gegenteil. Es ist Arschlochmittwoch. So steht es im Kalender und — noch viel wichtiger — auch im Bild.de Horoskop. Ich lese das mal eben vor:

„Dieser Monat ist nicht für Sie. Mars und Venus verstecken sich in der Abstellkammer und sortieren Kartoffeln. . Ihre Hobbies werden sie anöden; selbst das Wasser schmeckt stumpf. Sie werden nicht mal Lust auf Selbstbefriedigung oder Wein haben. An diesen Tagen wachen Sie nachts auf und das einzige, was sie empfinden ist ein großes „Warum?“, geschrieben in Comic Sans und dahinter ein dämlich grinsendes Emoji-Gif-Ding. Ätschebätsche. Klicken Sie hier, um Mitglied zu werden und jeden Monate spannende Preise zu gewinnen.“

Garbors Leben besteht aus einer überschaubaren Anzahl wiederkehrender Aktivitäten die hier in unsortierter aber dafür auch unvollständiger Reihenfolge aufgezählt werden:

Schlafen, Arbeiten, Grübeln, Abwaschen, Instagram aufmachen, Instagram schließen, etwas auf Netflix suchen und dann zu denken ‚Ach nee, lass mal, ich wollte ja auch noch was anderes machen‘, keine Lust auf Telefonieren haben, Telefonieren, Einkaufen, Steuern machen.

Ziel ist es, ein gewisses Maß an Identifikation zu schaffen und ein Garbor als einen ganz normalen Mensch darzustellen. Dass wir uns denken ‚Na, so besonders ist das ja nicht alles, geht mir ja auch so, das mache ich auch!‘. Anschließend aber werden wir aber Garbor auf einer so unfassbaren Reise begleiten, die so ungewöhnlich ist, dass sie unmöglich wahr sein kann. Aber natürlich ist diese Geschichte wahr. Wenn sie nicht wäre, warum sollte ich sie denn sonst aufschreiben? Denn wenn wir mal ehrlich sind: Die Unwahrheit erzählen wir uns ja schließlich jeden Tage selbst. ‚Nächste Woche höre ich mit rauchen auf! So viel trinke ich gar nicht. Ich wollte immer schon ein bisschen dicker sein, dann ists im Winter nicht so kalt..“

Da müssen wir nicht noch unbedingt ein Buch kaufen, in dem Unwahrheiten drinstehen. Und dann noch so ein Hardcover für 24,95 EUR. Sicherlich, ein wundervoller Einband. Das rote Cover ist Ihnen im Buchladen (Sie gehen in Buchläden, Applaus!) direkt aufgefallen. Und dann steht als Autor auch vor allem noch einfach Garbor da. ‚Hat der Mann keinen Nachnamen?‘, haben Sie sich gefragt. Ist er vielleicht Brasilianer? So wie Pélé oder Neymar oder wie sie alle heißen? Das sind ja Künstlernamen, also ist Garbor auch ein Künstlername — das klingt ja schon ein bisschen verwegen, das gönne ich mir mal.‘, denken Sie.

Aber ich kann ihnen versichern: Garbor ist kein Künstlername und er ist auch nicht Brasilianer. Er ist Berliner und er hat soeben Post bekommen. Als er die Einkäufe abstellt und die Post betrachtet, denkt er:

„Was ist, wenn ich im Preisausschreiben gewonnen habe? Das wäre ja mal was! Dann wäre ein bisschen wie in einem schlechten Film. Erst ist alles irgendwie voll doof und dann wird alles voll gut. So ein bisschen wie in den romantischen Komödien von Mathew Mackkonnahey oder wie der geschrieben wird. Die habe ich zwar nie gesehen, aber so stelle ich sie mir vor.“

Dann öffnet er die Post und auf dem schlichten, weißen Papier steht „Sie haben gewonnen“ und Garbor dreht das Papier um.

„Scherz, du Idiot. Komm nach Tuxford Falls. Unsere Zukunft hängt davon ab. — Dünner.“

Und in diesem Augenblick hat Garbor einen wachen Moment. So wie wir uns manchmal wünschen, wir hätten einen. Garbor nimmt sein iPhone in die Hand, um sich zu versichern, dass noch immer November ist und sagt dann laut:

„Na, besser wird’s hier sicher auch nicht.“

 Und dann packt er einfach seine Sachen ein. Eine Zahnbürste, ein paar Shirts, das Macbook und sein Flauschekrokodil. Er verabschiedet sich von seiner Wohnung, schließt ab, geht die Treppen nach unten, setzt sich in seinen Camaro SS von 69 und fährt los. 

 

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