Wilkommen in Tuxford

Die Tage nach dem Lockdown waren unfassbar. Garbor hatte genug gesparrt, um die Zeit so genießen zu können, wie er es sich gewünscht hatte. So, wie er sich immer gesehen hatte. Mit einem leichten Schnauzbart in seiner Lieblingsbar mit einem Glas Blanc de Noir, nichts zu tun und ein gutes Buch in der Hand. Dann und wann kam jemand, der wissen wollte, “wie es ihm ging, was er las und überhaupt. Was für eine Zeit, nicht wahr.” Aber Garbor hatte eigentlich die ganze Zeit nicht mehr zugehört. Er sah die ganze Zeit nach links an die Bar, da wo das Mädchen Marie saß.

„Es ist bunt und hell und leise und schön“ hört er sich sagen, während er lächelt und dann: „So wie in dem Lied von Dota Kehr. Nein, nein, umgekehrt: Das Lied ist so wie du.“ versucht zu sagen, aber kein Wort kommt aus ihm heraus. Sie lächelt, steht auf, nimmt ihren riesigen Mantel aus falschem Pelz und verlässt die Bar, ohne ein Mal aufzublicken. 

Garbor würde gerne aufstehen und hinter ihr herlaufen, die Tür öffnen und und… aber das geht nicht. Und so steht er stattdessen da, neben dem Barhocker, während sich die Zeit eine Aus-Zeit gönnt und er ein bisschen zu zittern anfängt. Er würde sich gerne beschweren, aber dann geben seine Beine nach, er sinkt langsam hinab und schlägt mit seinem Kopf an der Seite der Theke auf. Irgendwo links unter seinem Auge hört er es kacken, alles schmeckt nach Metall und dann wird ihm unsagbar schlecht.

Auf einmal ist alles dumpf. Irgendwie seltsam basslastig. Man kann gar keine Höhen verstehen. Und Sprache? Sprache schon gar nicht. Wie unter Wasser. Garbor denkt “Scheiße, es hat mich erwischt. Ich hab’s übertrieben. Total glanzlos. Ein Jahr Pandemie und nichts machen, dann einfach  umfallen. Was eine unfassbare Pisse. Kein Pathos, keine letzten Worte, kein Drama, kein Applaus. Nur ein Herzinfarkt oder so ein Piss und Zack, alles ist aus. Ich dachte, ich hätte noch mehr als genug Zeit.”

Die Zeit hingegen interessiert sich überhaupt nicht für Garbor. Sie achtet nicht einmal auf ihn. Sie ist einfach da und bewegt sich kein Stück. Garbor aber fällt und fällt und fällt. Erst ein paar Zentimeter, dann immer tiefer. Die Stimmen über ihm werden zu einem dumpfen Gemurmel, das Rauschen in seinen Ohren wird lauter, bis es unerträglich ist. Und dann passiert einfach ganz, ganz lange nichts. Garbor findet das erst extrem Schieße, dann findet er es hochgradig beklemmend. 

“Hallo? Hallo! Was ist denn jetzt?”, versucht er zu sagen, aber seine Lungen sind voller Zeugs und seine Augen brennen vom Salz. Dann empfindet er einen kurzen Augenblick einfach nur Wärme. Die Aufregung, die er eben noch empfunden hat weicht und ist… weg. 

Als er die Augen öffnet, sieht er den Dünnen vor sich sitzen und Pistazien schälen. Eine nach der anderen, Schale auf, Schale zur Seite, Nuss in den Mund, und wieder von vorn. Keine Eile, keine Hast. Auf der linken Schulter hat der Dünne ein neues Tattoo  “14.000 Mann auf des toten Mannes Kiste” steht da in schnörkelloser Schrift; darunter ein einfacher Holzsarg.

“Was bedeutet das mit dem Tattoo?”, fragt er den Dünnen, der unbekümmert eine Pistazie in den Mund schiebt und zu kaufen anfängt.

“Es ist schön, dass du wieder da bist, Garb. Ich hab mir Sorgen gemacht.”

“Wieso das denn? Ich bin doch hier.”

“Ich weiß. Aber das heißt ja nichts. Na jedenfalls: Lass uns besser packen. Wir haben eine Menge vor.“

Und so fängt unsere Geschichte an.

 

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