Auf dem Weg nach Tuxford

scenic landscape of road in mountainous valley against misty sky

Garbor starrt auf die Innschrift an der seltsamen Tafel vor ihm und putzt seine Brille.

„Was stehtn da, Garbi?“

„Auf Wasseratmung umgestellt und
dazugesellt, Arm um Arm, Arm in deinem Schoss und
bloß nicht atmen, nicht zu schnell, nicht zu grell und
nicht das du denkst, das denken hilft.
Hilft nämlich nicht. 
Was hilft, ist einen Schritt zu tun und
noch einen und noch und
immer einen mehr
näher heran an das,
was du bist.

— Willkommen in Tuxford Falls, dem einzigen Ort auf der Welt, den es wirklich gibt.“

Das Flauschekrokodil steht neben ihm, tappst mit seinen Füßchen in einer Pfütze herum und packt ein Ferrero Rocher aus der goldenen Verpackung. Dann schiebt es es in den Mund, knistert ein bisschen mit der Folie herum, streicht sie glatt und hält sie Garbor hin.

„Was soll das denn heißen? Das Woolworth im Märkischen Zentrum ist doch auch ein echter Ort. Oder zum Beispiel der Dom Oder hier, Dings. das Museum für zeitgenössische Enttäuschungen.“

„Flauschi, Das Museum ist nicht wirklich ein echter Ort. Das gibt es nur in einer Geschichte!“

„Papperlapapp. Das ist nun wirklich Quatsch! Aber können wir weiterfahren? Meine Füße sind schon ganz nass!“

„Du bist komisch. Erstens biste doch mit Absicht in die Pfütze rein und zweitens biste n Krokodil.“

„Ich erinnere dich dran, wenn du das nächste Mal nachm Saufen mit nem Schädel und ner Panikattacke wimmernd im Bett liegst, dass nicht der fleischgewordene Teufel Alkohol dich dazu gezwungen hat Shots zu spendieren, sondern du, König Garbor, Herr über seinen eigenen Willen, dies entschieden hat.“

Und damit stapft das kleine Wesen grinsend zum mattschwarzen Camaro SS, Baujahr 1969, zurück, hüpft auf den Beifahrersitz und schließt behutsam die Türe. „Ich bin ein Flauschekrokodil, das ist was anderes, du Hirni. Ich mache Schabernack, frage unangenehme Dinge und weise dich dann und wann auf dein Paradoxes Verhalten hin. Und wenn ich nicht genug Knabbersachen habe, werde ich halt ungemütlich.“

„Vielleicht haste Diabetes?“

„Vielleicht wollen wir weiterfahren, damit wir nicht erst Pflaumenpfingsten ankommen? Auf geht’s Kutscher, mir knurrt der Magen.“

Und ungefähr so geht das seit zwei Tagen. Als Garbor am letzten Mittwoch in Berlin seine kleine Tasche packt – mit allem was man so braucht, wenn ein Abenteuer zu erleben erwartet – steht das Flauschekrokodil mit einem kleinen, braunen Koffer in der Hand vor ihm.

„Ich denke, es ist besser wenn ich mitfahre.“

„Warum? Wieso das denn?“

„Du allein bist nicht ganz du ohne mich – und außerdem ist mir so langweilig. Ich habe auch schon alles auf TikTok gesehen, was es gibt und Breaking Bad nochmal.“

„Na gut, aber nicht wieder krümeln im Auto. Ich hasse das.“

„Hab Prinzenrolle bei, das krümelt halt. Autofahren ohne Kekse ist n bisschen wie Döner ohne Soße: Machbar aber dumm.“

Als Garbor dann auch endlich von der seltsamen Tafel weggeht und den Motor wieder anmacht, fahren sie in den Wald hinein, immer etwas mehr bergauf. Es riecht nach einer Mischung aus frischem Regen, nasser Erde und einer Prise Frühling. Eine ganze Weile sagen sie nichts, beobachten nur die Gegend als Garbor schließlich das Radio anmacht, aus dem mit langsamen, wilden Worten die Stimme von Dan Smith ertönt.

„This is how we live, when we live somewhere
With quiet nights inside making plans to make a life
To keep it all safe inside and outside
Dear anyone, do you know what that’s like“

Es dauert noch eine Weile, bis sie tatsächlich am Hotel ankommen sollten, das war ihnen klar und das war auch gut so. Eine Reise heißt schließlich Reise und nicht Ankommen.

 

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