Den letzten Teil fährst du.

Nach ein paar Stunden Fahrt halten Sie an einer Ampel. Der Dünne steigt aus, geht einmal um das Auto herum und steckt sich eine Zigarette an. „Den letzten Teil fährst du, Garb“, sagt er, doch Garbor weiss das ja selbst.

Das Flauschekrokodil schläft, das riesige, weisse Kissen hat es halb als Matratze, halb als Kissen unter sich vergraben und atmet langsam und stetig ein und wieder aus. Links, auf einer kleinen Weide stehen zwei Kühe die langsam vor sich hinkauen und so gucken, als würden sie sagen wollen „Na wat wollt ihr denn hier? Wisst ihr worauf ihr euch eingelassen habt?“, aber Garbor denkt, Kühe im Mitten von Nirgendwo Berlinern sicher nicht und haben auch keine so passiv-aggressive und leicht mystische Aura. Also schließt er kurz die Augen und macht eine kurze Inventur:

„Dinge, die ich heute schon gesehen habe: Kühe mit und ohne Fleckenm, kleine und große, ganze alte, die müde waren vom Kuh sein und die sich auf kühle Tage freuten. Felder voller Mais, der immer exakt gleich hoch gewachsen ist, als würde es eine geheime Absprache geben. Ich hab goldenes Licht gesehen, das dem Sommer eine Grimasse schneidet und sagt „Kannste machen was du willst, meine Abende sind einfach n bisschen dramatischer als deine. Ätschebätsch.“ Und der Sommer, mag er noch so prächtig sein, der die Menschen in die Straßen treibt und in den Cafés der Nacht Wärme schenkt, weiß dass er besser die Fresse hält, weil jederer weiß dass in manch Momenten Sehnsucht selbst Wärme schlägt. Da war eine Hornisse an einer Bushaltestelle, der man ansehen konnte, dass sie hier einfach falsch war. So wie Garbor damals in den Meetings mit den wichtigen Menschen, die nichts gesagt haben mit all ihrem Geblubbere. Ich hab Menschen gesehen, die Rasen gemäht haben, mit ihrem Hund spazieren waren und mit ihren Helmen und roten Jacken auf Fahrrädern. Die nichts gesagt haben und das mussten sie auch gar nicht, sie hatten ja sowieso einfach recht. Ich hab Wasser gesehen: Ein Pfütze, einen Bach, einen See, einen Fluss über den eine Brücke ging und das Meer auf dem Segelschiffe mehr standen als schwommen und von dem einen Schiff hat eine junger Mensch gewunken, oder oder jedenfalls hat Garbor das gehofft. Weil man machmal hofft, das einem sowas passiert und sich dann denkt ‚Was ein Zufall.‘ aber es ist irgendwie zu spät zum zurückwinken. Und bei all dem, was heute passiert ist war Garbor total klar, dass es gut war wie es ist. 

Am Horizont stand der Herbst. Er hat gesagt, er würde jetzt dann kommen und Garbor müsse sich auch auf den Weg machen. 

Er erinnert sich an ein Gespräch, dass es vor eine Weile mit seiner Therapeutin geführt hat.

Seine Therapeutin ist eine intelligente Frau, mit einer Brille, die einen leicht tranzluzenten, bernsteinfarbenen Rand hat, weil das ihre Augenbrauen besser betont oder weil sie den Schimmer einfach mag. Ist ja nicht direkt die erste Frage, die man stellt, weil man nicht aufdringlich sein will. Schließlich ist man ja selber zur Therapie da und nicht die Therapeutin. Naja, kommt drauf an. Garbor hat keinen echten Draht zu seiner Therapeutin, aber das hält ihn nicht davon ab, ehrlich zu sein. 

„Garbor, ist ihnen bewusst, dass es den Dünnen und das Flauschekrokodil nicht gibt?“

„Was meinen Sie denn damit?“

„Sie haben die beiden ausgedacht, Garbor.“

„Achso, puh. Naja klar, aber das heisst ja nicht, dass es die nicht nicht gibt.“

„Wissen sie warum sie sie ausgedacht haben?“

„Na klar. Waren sie schon mal alleine? Das ist das schlimmste auf der ganzen Welt. Klar sind irgendwo sind auch andere Menschen. Aber sie sind ganz alleine, verstehen sie? Niemand sollte alleine sein. Ich hab mal gehört, dass die meisten Kinder ausgedachte Freunde haben. Nur wenn wir so richtig toll erwachsen werden, vergessen die meisten ihre ausgedachten Freunde. Das ist schade. Also habe ich mir irgendwann gedacht, ich denke mir wieder welche aus.“

Und so sitzt Garbor auf dem Fahrersitz und fährt die letzten Kilometer selbst. Der Dünne sitzt auf der Rücksitzbank, hat Flauschi im Arm und die beiden summen zu Ian Noe’s „If today doesn’t do me in„, während sie draußen die Welt beobachten.

 

 

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