Kurzwahltaste

Sie fahren nach Norden, aus der Stadt heraus. Nach nicht mal 15 Minuten sind sie auf der Autobahn und in Brandenburg. Links und rechts blüht grellgelb und unecht der Rapps. Nebenan stehen kleine große viele und vereinzelt Kühe. Halt die Luft an und konzentrier dich nur auf den Wald, dann siehst du 30 Minuten weiter sogar Wild und einen Kranich, der dich ein bisschen so ansieht als wäre es fast so überrascht über dich, wie du über ihn. Garbor kneift die Augen zusammen und stellt sich irgendwie Freiheit vor. Was auch immer das is, es riecht nacht feuchtem Boden und Zukunft. Es schmeckt nach mehr Farben, mehr Wind, unendlicher Endlichkeit und auch ein bisschen Seufzen.

Dann merkt Garbor wie müde er ist; er schließt die Augen und atmet das erste mal seit November so richtig-richtig ein. Seit Wochen kann er keinen Tag ohne Mittagsschlaf aushalten. Ihm wird klar, wie sehr ihn die die Monate von März letzten Jahres bis März diesen Jahres angestrengt haben.

(Anmerkung des Dünnen: Die letzten 42 Jahre. Es sind nie die letzten zwölf Monate. Die gleiche Fehleinschätzung über die Beschaffenheit von Zeit, lässt uns im Januar lustige Vorhaben auf kleine Zettel schreiben, die wir das mit Masking Tape an der Wand festtackern und spätestens ab April schneller an ihnen vorbeihuschen und so tun, als hätte man sie nicht gesehen — wie die Ex-Freundin im Supermarkt oder das Kindheitstrauma nachts um 2.34 Uhr.)

Wie sehr einen Zeit erschöpfen kann, in der nichts passiert. Nichts. Montag wird zu Dienstag zu Donnerstag und Mörz wird zu Mai wird zu Oktober und du bist einfach da. So schauderhaft, so intensiv, so falsch, so gleich, so träge-dröge-müde-krankmachend – wie ein Geist der dasitzt und sich voller Verwunderung immer wieder durch die nicht existierenden Haare fährt. Man sitzt nur so da, Pistazienschälend, den Blick auf den Boden gerichtet, alles verschwimmt. So sehr mit sich selbst, so sehr in sich selbst. Scheuklappen so groß wie Wolkenkratzer und immer ist irgendwie 21:05: Zu spät, um etwas zu erleben, zu früh um schlafen zu gehen. Und am Ende merkst du, wie du nackt im Bad stehst, eine Stunde in den Spiegel guckst und dich am Ende fragst, wer dich zum Teufel so blöde angrinst, während dir Tränen über deine Wangen laufen, und du ein kleines bisschen über deinen Bauchansatz oder deine Falten lachst.

Aber dann ist er wieder da, ganz da. Garbor atmet aus und öffnet lächelnd die Augen. Der Dünne sitzt am Steuer, kaut Kaugummi und schiebt sich die blonden Locken aus dem Gesicht, mit einer Nonchalance die seines Gleichen sucht. In seinem Schoß liegt das Flauschekrokodil und schnarcht. Vorbei an den Pinien, vorbei an den Feldern und raus, raus aus dem eigenen Kopf. Der Ort, an dem du alles finden kannst und dich doch schlimmer verlierst als im Kaninchenbau.

Weiter nach Tuxford Falls also. Der Ort der irgendwie Mai heißt und Billy Summers und ein Manifestierung ist für das weiße Pulver, Kamillentee oder die Stille, die auszuhalten suchst. Ein Kauderwelsch aus Erwartungen und Gefühlen, bei der der Dalai Lama kopfschüttelnd Fragen stellen würde. Denkt Garbor jedenfalls. Ist ja nicht so, als hätte er den Dalai Lama auf Kurzwahl #4. Er fragt sich, ob er den Dalai Lama überhaupt anrufen würde. Wenn man so eine bedeutende Persönlichkeit kennt, will man ja auch irgendwie nicht stören oder wenn, dann wenigstens die richtigen, bedeutenden Fragen stellen. Was aber, wenn man dann einfach stattdessen nie anruft, weil man denkt ‚Irrr, das ist ja jetzt nicht so mega wichtig. Da will ich jetzt auch nicht so stören. Du hast ja eh schon so ein ADHS Oversharing-Ding zu laufen.‘ Garbor fragt sich, wen der Dünne auf Kurzwahl gespeichert hat.

„Ich hab dich da zu stehen. Ist aber nicht Kurzwahl. Im iPhone heißen die Favoriten.“

„Mich? Und wer steht da noch?“

„Wer soll denn da noch stehen? Das Leben ist nicht Facebook, Garbor. Niemand hat wirklich mehr als eine handvoll Freunde. Ich steh da sonst noch, sonst keiner.

„Ja, okay. Du kannst dich doch nicht selber anrufen!“

„Ist mir schon klar. Aber das ist immer, wenn ich denke, ich sollte mit jemandem drüber sprechen, meine Erinnerung, dass ich vielleicht auch mal wieder mit mir sprechen könnte.“

„Oh. Ja, ich glaube, ich weiß, was du meinst. Wenn ich so überlege: Ich hab alle Feedbackgespräche mit mir geschwänzt in den lezten Monaten. Ich hab da eigentlich einen Termin im Kalender: Jeder letzte Freitag im Monat um 15 Uhr bekomme ich eine Erinnerung. Der Termin heißt ‚Ferris Bueller‘, weißt du. In Anlehung an die Aussage von Ferris in dem FIlm, dass sich das Leben ziemlich schnell bewegt und man dann und wann innehalten und sich umsehen muss, damit es nicht an einem vorbeirennt. Aber… ich war so beschäftigt mit rausgehen und die Welt wieder ansehen und Menschen und atmen und trinken und überhaupt.“

„Na, dann wird’s Zeit, hmm? Ist nicht gut, sich zu lange sich nicht mit sich selbst zu unterhalten.“

Und so schweigen die beiden für die nächsten Stunden, in denen sie ruhig und stetig über die Landstraßen gleiten, dem Licht beim Lachen und Einschlafen zusehen. Flauschi sitzt mittlerweile auf dem Rücksitzt und liest in seiner Fibel, aus den Boxen singt Eddy de Pretto zu ihnen und Garbor fängt an sich zu überlegen, was genau er mit sich besprechen wird, sobald sie in Tuxford angekommen würden.

 

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