Eine Portion Leben (salzreduziert)

Garbor sitzt in einem schönen, cremefarbenen Sessel aus den 60ern in einem überdimensionalen Hotelzimmer mit den bodentiefen Fenstern, trinkt einen frischen Minztee und wartet. Nach ihrer Ankunft hatte die freundliche Dame am Empfang einfach nur gesagt „Wir haben das richtige Zimmer für sie bereits vorbereitet. Willkommen in Tuxford Falls!“ und ihm dann den Schlüssel in die Hand gedrückt. Das war vorgestern.

Jetzt taucht der Dünne rauchend an der Türschwelle auf, tippelt mit den Füssen und starrt ihn an.

„Und? Kommste voran?“

„Null. Ich kann nicht. Mir ist nicht nach schreiben. Ich hab einfach nichts zu sagen. Ich hab nur Langeweile gerade. Ich mein, ich wünschte, es wäre Langeweile. Aber das ist es nicht. Es hat sich zu einem ewig währenden, nach nichts schmeckenden Kaugummi entwickelt, den man nicht ausspucken kann. Wie nach einer langen Nacht auf Amphetaminen, in der deine Seele deinem Körper deutlichen machen will, dass es längst Zeit ins Bett zu gehen. Nur ohne Amphetamine und das ich um 2000 Uhr ins Bett geh, weil ich am nächsten Tag früh aufstehen will um zu schrieben. Dann lieg ich da und gucke mit zeitgenössischer Popmusik untermalte TikTok-Videos und denke „Wer heute noch Influencer ist, muss ja dumm sein. Man ist doch mittlerweile Content-Creator!“. Aber mit jeder weiteren Sekunde unnützer konsumierter Inhalte verliere ich 100 Mark von meinem Geistige-Gesundheit-Konto und mache einen weiteren Haken im „Herbst-Depressionen zum colorieren Kalender“ (von Tschibo, 8,99 EUR) und dann schlafe ich enttäuscht ein. Ich dachte, ich warte einfach, bis mir die richtige Idee kommt zum Schreiben. Weisste? Einfach hier sein und so. Die richtige Umgebung, nicht einkaufen müssen, guter Wein – ich dachte, das reicht. Überraschung: Ist aber gar nicht so!“

„Mein lieber Freund, wir sind seit genau 2 Tagen hier. Mach mal halblang mit dem Drama. Ich hol uns mal Weinchehn von unten, wa? Und dann machste ganz entspannt noch ein bisschen heute.“

„Und ich hol mal die Würfel. Ne ordentliche Partie Kniffel hat noch nie geschadet!“ ruft das Flauschekrokodil vom großen Esstisch aus, rutscht von einem Stuhl mit drei dicken Kissen herab und stapft langsam und gemächlich ins Schlafzimmer, wo es in seinem blauen Rucksack krahmt.

„Ein Bisschen. Hah. Ich hab ja noch nicht mal eine Seite.“ flüstert Garbor und schaut wieder aus dem Fenster. Es gibt hier einfach sehr sehr viel grün. Beidruckend grün und natürlich auch irgendwie bedrohlich ruhig. Es gibt auch einen Wasserfall. Aber der ist links oder rechts, genau weiß es Garbor es nicht, weil er die schlechteste Orientierung der Welt hat. Manchmal glaubt er, das ist der wahre Grund, warum er daheim in Berlin in einer 1-Zimmer-Wohnung lebt. Jedenfalls ist der Wasserfall weder zu sehen, noch zu hören, weil die Fenster anscheinend vollkommen schalldicht sind. Was man jedoch sehr gut sehen kann ist das Licht, das sich von draußen leicht an die Balkontür lehnt und irgendwie zu lächeln scheint. Er steht schließlich auf, öffnet die Tür und überlegt wieder mit dem Rauchen anzufangen. Oder auf Salz zu verzichten. Vielleicht würde das beim Schreiben helfen. Noch genau 7 Tage bis zur Lesung. Er kann den Wasserfall jetzt hören.

Drinnen klingelt das Telefon.

Where’d you call from tonight?
Are you feeling alright?
Is it light where you are?
How is it this time?
Are you thinking of things?
It still blows through my mind
It’s okay now, I think
Yeah, I’m feelin‘ alright

Als das Licht langsam verschwindet und Garbor wieder das Wohnzimmer der Suite betritt, sitzen der Dünne und Flauschi am Tisch. Vor ihnen zwei kleine, rechteckige Blöcke, daneben Kugelschreiber auf denen der Name des Hotels steht. In der Mitte des Tischs liegt eine kreisrunde Schale, mit blauem Filz bezogen und mit creme-weißen Plastikrändern, in denen sich fünf Würfel tummeln.

„Pass mal auf, du Hirni, du kannst nicht immer einfach vor dem Würfeln schon Punkte eintragen, so geht das nicht! Ey, Gabrinho, setz dich. Flauschi schummelt und ich brauche jemanden der mit mir verliert!“

„Nee, nee, macht ihr mal. Ich muss noch hier kurz.“

Garbor nimmt die Flasche Wein mit und geht in das kleine Zimmer, in dem nur ein kleiner Tisch aus Eiche und ein einfacher Stuhl stehen und in dem ebenso bodentiefe in den jetzt aufziehend Abend blicken lassen. Auf dem Tisch stehen eine kleine, gelbe Schreibtischlampe aus Metall, sein Macbook und ein schwerer Aschenbecher aus Glas. Garbor schaltet die Lampe an, klappt den Mac auf und setzt sich. 

„Fang ich eben mittendrin an, wenn ich keine Ahnung habe, wie der Anfangen gehen soll.“

Und so steht da nach einigem Ein- und Ausatmen da ‚KAPITEL 4 – ENTSCHEIDUNGEN.“ Garbor lächelt. Mittendrin ist vielleicht ja auch viel einfacher, weil man ja mittendrin ist im Leben. Und so schreibt Garbor einfach drauf los, weil er sich keine Sorgen um den perfekten Anfang – und vor allem auch nicht den ersten Satz machen muss.

 

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