Wie ich den Dünnen traf

Am meisten Angst machen mir die Leute, die nicht mit sich selber reden.

Die Menschen, die keine ausgedachten Freunde haben. Die Menschen die ihre Gedanken nicht mit jemandem teilen, den sie selber erschaffen haben.  Menschen, die glauben, dass die Dinge so sind. So und nicht anders. 

Ungefähr ein Drittel aller Kinder hat imaginäre Freunde. Früher hat man gedacht, die Kinder wären plemplem. Heute weiß man, dass Kinder damit ihr Sozialverhalten trainieren und so lernen mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen umzugehen. 

Mein Freund ist der Dünne. Ich hab ihn getroffen, als ich 25 war. Eines Abends sind wir zusammen nach Hause gelaufen und ins Gespräch gekommen und seitdem sind wir beste Freunde.

Der Dünne tanzt oben ohne neben deiner Freundin, die sich heimlich wünscht, er würde sie ansprechen. Der Dünne sitzt rauchend auf dem Treppenansatz während Joshua Burnside läuft und die Sonne untergeht. Der Dünne ruft nachts betrunken an; voller Stolz, mit Tränen in den Augen, die Haare hochgebrüllt, mit einer Flasche Champagner im Arm. Er ist der einzige, dem die Nacht nichts anhaben kann. Nein, an seinen besten Tagen fleht ihn die Nacht an, noch nicht zu gehen. Dem Sonnenlicht noch ein wenig Paroli zu bieten, der bloßen Idee eines Morgens einhalt zu gebieten. Doch nichts liegt dem Dünnen ferner. Und so bringt mich der Dünne nach Hause, wankend, toll. Der Dünne glaubt an mich, wenn ich zitternd unter der Bettdecke liege und wünsche, dass es aufhört. 

Niemand hat
Die Absicht für immer hier zu sein.
Niemand hat die Absicht
unsichtbar zu sein.

Niemand hat
die Absicht für immer ich zu sein.
Niemand hat die Absicht
allein zu sein.

Der Dünne fährt dich nach Hause, wenn es nicht mehr geht. Der Dünne spricht bei der Beerdigung deines Vaters, weil er die Stille nicht erträgt.. Manchmal ist dem Dünne die Anwesenheit seiner selbst zu viel. Dann geht er in den Urlaub oder ins Café oder in den Zoo und befreit die Pinguine. Aber wirklich weg ist er natürlich nie.

Ich hab dem Dünnen ein paar Jahre nicht geschrieben und dachte, das ist der einzige Weg zum Frieden. Ich musste unbedingt Pause machen. Wieder schlafen lernen und vor allem: atmen. Aber wir wissen alle, das das so nicht geht. Die einzige Chance die Stille zu gewinnen ist es, den Gedanken eine Stimme zu geben.

Wenn man aufmerksam zuhört lernt man sogar ein paar schlaue Fragen zu stellen. Und die besten Gespräche fangen noch immer mit guten Fragen an und sie geben keine Anworten. Sondern Ideen.

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