Einhundert Milliarden

Einhundert Milliarden

„Die Frage ist, lieber Kandidat, was würden Sie mit einhundert Milliarden Euronen machen? Und denken Sie daran, nur eine einzige Antwort ist korrekt. Denn ihre Antwort entscheidet über Leben und Tod.“

Der Dünne gießt sich mit zitternder Hand ein Glas mit Nikka voll und wirft die leere Flasche ins Publikum. Dann nimmt er einen verwegen großen Schluck, verzieht keine Miene und atmet schwer aus. Im Saal ist es mucksmäußchen still, man kann die jungen Menschen verzweifelten schwitzen hören. Sekunden werden zu Minuten.

Der Dünne erhebt sich und streicht sich siegesgewiss über seine deutlich sichtbaren, nakten Bauchmuskeln, tritt ans Mikrofon und antwortet mit tiefer und fester Stimme:

„Waffen. Ich würde Waffen kaufen.“

Es ist, als würde der gesamte Planet die Luft anhalten. Nirgends auf der Welt passiert in diesem Augenblick auch nur eine einzige Sache, die von Belangen wäre. Kein einzig Ding, das von diesem einem sagenhaften Moment ablenken könnte. Keine Kinder werden geboren, keine Hochzeiten gefeiert und keine Banken ausgeraubt. Es passiert nirgendwo nichts. Der namenlose Moderator mit dem Gesicht von Harald Glööckler und der Stimme von Harald Juhnke steht endlich auf, lässt seine Notizen fallen und tritt neben den Dünnen. Mit eisiger Hand ergreift er die metallene Stange vor sich – sein von Whiskey gezeichneter Atem erschüttert die Oberfläche des Mikrofons:

„Es stimmt. Natürlich stimmt es. Das Geld gehört Ihnen. Mein lieber Herr Gesangsverein, sowas habe ich noch nicht erlebt.“

Der Saal tost. Menschen fallen in Ohnmacht. Eben noch Fremde fallen sich in die Arme, küssen sich wild – diesen einen, unbeschreiblichen Moment zelebrierend. In diesem Augenblick schwören sich Millionen von jungen Menschen: Niemals will ich mich hingeben, wenn es nicht für diesen einen Menschen ist. Die Welt ist gerettet. Der Dünne hat es geschafft. Waffen. Endlich wieder Waffen. Für alle. Die einzige Möglichkeit Frieden zu bringen; Zuversicht, Hoffnung und Segen.

Ein Jahr später. Die meisten Menschen sind tot. Der Dünne aber sitzt lächelnd in seinem Schaukelstuhl und trinkt günstigen, eisgekühlten Sekt aus einem Plastikeimer, während er auf das Meer blickt und aus dem Boxen alt-J ertönt.

„I still pretend you’re only out of sight in another room
Smiling at your phone
I still pretend you’re only out of sight in another room
Smiling at your phone
I still pretend you’re only out of sight in another room
Smiling at your phone
I still pretend“

Man kann nicht immer gewinnen. Aber das heißt nicht, dass die anderen nicht noch viel schlimmer verlieren können.


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