Sabbatical

Sabbatical

Garbor steht vor dem Spiegel und rasiert sich. Die Uhr zeigt 23:12 an. Der Dünne kommt herein.

„Ey, Garb, Auf dem Balkon ist irgendein Tier!“

„Dünner, es ist zu spät für Tiere. Was solln da sitzen? N Fuchs?“

„Na was weiss ich! Aber da sitzt halt was. Das ist doch nicht normal. Füchse können ja die Wand nicht rauflaufen und Raben schlafen jetzt schon!“

„Und was soll ich jetzt machen?“

„Ich weiss nicht. Was ist, wenn das was will?“

„Mit Sicherheit sogar. Alle wollen doch was. Die meisten wollen eine Gehaltserhöhung. Oder abnehmen. Vielleicht mal nen Sabattical machen. Ein paar wollen verstehen, warum sie nachts wachliegen und von ihren Gedanken überfallen werden. Die Wenigsten wollen herausfinden wer sie wirklich sind.“

„Na, das ist ja auch voll anstrengend! Da musst du die ganzen Schichten aus der Arbeit, gesellschaftlichen Erwartungen und Familien-Traumata erstmal abpellen. Was bleibt da schon übrig? Ein bisschen fast-fashion, Glutenintolleranz und zeitgenössischer Musikgeschmack. Ihhh! ‚Herzlichen Glückwunsch, Jonas, das bist du! Individuell und belanglos.‘ Das ist doch total ernüchternd. Beim Sabattical gibts wenigstens Aperol Spritz. Bei Selbsterkenntnis gibts nur nen Kater.“

„Geht mal, gucken, ob das Tier noch da ist. Wenn ja, mach die Tür auf und lass es rein.“

Also geht der Dünne zurück ins Wohnzimmer und öffnet vorsichtig die Balkontür, setzt sich auf die Couch und wartet. Als Garbor endlich aus dem Bad zurückkommt und gerade den Balkon wieder schließen will, stapft das Flauschekrokodil sammt North Face-Rucksack und Sonnenbrille herein und lässt sich auf den Teppich vor dem Sofa fallen.

„Na, ihr Knalltüten! Da bin ich wieder!“

„Eh, Flauschi, wir haben uns schon Sorgen gemacht! Wo warst du denn?“

„Na, Sabbatical! Hab ich doch gesagt! Oder nicht?“

„Nee! Haste nicht. Wir hatten sogar Zettel im Kiez ausgehangen!“

„Oh, na Mensch. Das ist ja was! Gabs Belohnung?“

„Ja! 500 EUR!“

„Fünfhundert? Da ja mal gerade nicht sonderlich viel, wa? Ich dachte wir sind Freunde!“

„Alter, du sagst, wir sind Freunde, und dann vergisst du uns zu sagen, dass du n Sabbatical machst. Wasn fürn Sabbatical überhaupt?“

„Ich war in Lissabon. Inspiration für neue Limonaden, mal anhalten und überhaupt. Lissabon halt!“

„Aha. Wenn ich fragen darf: Wovon hast du denn ne Auszeit gebrauch?“

„Wie, Auszeit? Wenn ich deine rudimentären Hebrisch-Kenntnisse etwas auffrischen darf, mein lieber Freund: šabat bedeutet innehalten. Da habe ich mich inspirieren lassen. Da ich nicht, wie andere arme Geschöpfe, einer geregelten Arbeit nachgehen muss, muss ich davon auch keinen Trostpflaster-Sonderurlaub bekommen, bei dem mir trotzdem n schlechtes Gewissen gemacht wird. Ich muss auch weder meine Stress-Akne unter Kontrolle kriegen oder so tun als würde ich rausfinden wollen, ob ich noch immer die Marketingstrategie für eine digitale Hebammen-App umsetzen will. Und da ich auch nicht an Gott glaube, muss ich auch nicht erst 6 Jahre mein Feld bestellen, oder am siebten Tag mal Pause machen, sondern darf innehalten, wann ich auch immer denke: Das wäre jetzt gut.“

„Aha. Und sag mal, Flauschi, wie kanns du dir das leisten?“

„Die Frage sollte doch eher sein: Wie kann man es sich nicht leisten, innezuhalten?“

„Herrje, ich meine: Woher hast du die Kohle fürs Reisen?“

„Achso! Ja einfach: Ich drucke mein eigenes Geld.“

„Das kann man nicht einfach so machen. Das ist verboten.“

„Ach, papperlapapp. Die anderen Drucken ja auch ihr eigenes Geld. Die bauen mit Internetzcomputern Bitcoin ab,  verkaufen Drogen im Darknet oder liefern ihre Schokolade schön weiter nach Russland. Ritter Sport zum Beispiel. Die tun immer so nett, ist aber jetzt Faschisten-Schokolade.  Was ist denn die Alternative? Ich kann nicht gut mit Zahlen, ich bin zu faul für was anstrengendes und ich gucke Blumen lieber an, als das ich sie gieße. Und meine Leidenschaft für Limonade will ich mir bloss nicht mit zu viel getue versauen. Nee, nee, Freunde. Ich drucke ja außerdem nur Zehner. Das geht schon! Na jedenfalls toll, dass ich wieder hier bin. Ich bin jetzt sehr sehr müde und würde gerne schlafen. Nachti“

Und die Moral von der Geschichte: Alles eine Frage der Perspektive. Und die eigene Realität ist immer nur einer sehr eingeschränkten geschuldet, ihr Schlauberger. Ätsch.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.