Fürwahr

Fürwahr

Garbor und der Dünne sitzen auf der frisch renovierten Terrasse des Tuxford Falls Hotels, schälen Pistazien und rauchen. Garbor war fest davon überzeugt, dass Rauchen und Trinken zum Schreiben gehörten, wie das Schreiben an sich. Wenn es für unzählige Autoren und Musikerinnen gut funktioniert hatte, wäre es sicherlich für ihn, der nun in dieser vertrackten Lage war, zumindest eine gute Basis . 

Es war der Abend des zweiten Tages und die beiden hatten bereits eine gute Weile still und stumm nebeneinander gesessen, während das Flauschekrokodil im Souvenirshop war und Sonnenbrillen anprobierte. Der Dünne nestelte eine neue Zigarette aus dem Softpack und reckte sich zu seinem Freund hinüber.

„Weißt du Garbor, was ich glaube? Das die meisten Menschen denken, Poesie wäre nichts für sie. Also so insgesamt. Sie denken, Poesie wäre etwas intellektuell-künstlerisches. Etwas abgehobenes. Ein fragmentiertes, abstraktes Gebilde voller elitärer Wortfetzen, deren Bedeutung niemand verstehen kann, weil nichts im Klartext dasteht und es so Geschwurbele ist. Das da so Worte wie stehen wie fürwahr, mondesgleich oder klimpern. Für Angeber und Gefühlsduselige. Wie ein modernes Kunstwerk, dass es irgendwie zu entschlüsseln gilt, ohne das da tatsächlich etwas ist.

Davor haben sie Angst. Sie haben davor, wie sie Angst vor zu viel Farbe in ihrer Garderobe haben oder davor, auf der Straße zu weinen. Und so sitzen die Menschen in ihren beigefarbenen Mänteln in der U-Bahn, mit einem Gesicht aus Regenwetter und der Seele voller Excel-Tabellen. Sie essen jeden Tag die braune Stullen mit Teewurst und antworten am Telefon mit „Hmm hmm, ja, hm, okay.“ Sie schlurfen vor sich her und geben sich dem hin, dass es ja halt alles so sein muss, weil es halt so ist. Weil man die Dinge so macht wie man sie halt macht. Und wer wären sie schon, dass sie ausbrechen dürften? Stattdessen machen sie Sudoko. Den ganzen Urlaub lang. Weil es hier etwas zu verstehen gibt.

Aber das Ding ist, das es nicht ums verstehen geht. Das zentrale Problem der Menschen ist, dass sie anstatt die Dinge zu empfinden, sie unbedingt verstehen wollen. Die Menschen sagen Dinge wie:

Mal Spaß beiseite!
Jetzt aber mal realistisch gesehen!
Das ist ja alles schön und gut, aber!
Wünschen kann man sich ja alles!

Aber so funktioniert das alles nicht.

Oscar Wilde hat mal gesagt ‚Das letzte Geheimnis der Kunst wird denen immer verborgen sein, die die Wahrheit mehr lieben als die Schönheit.‘ Recht hat er. Was soll das sein, Wahrheit? Im Konstruktivismus heißt es Wirklichkeitskonstruktion. Eine Frage des Betrachters und der Perspektive.

Und wenn es keine Wahrheit gibt, wenn es nicht diese eine Wirklichkeit nicht gibt, was ist das dann hier alles? Ich sag dir, was es ist: Poesie! Eine flüchtige Bestandsaufnahme. Eine fortwährend fließende Betrachtung aus einem lustigen und ebenso extrem beschränkten Winkel. Das ist nicht schlimm, es geht gar nicht anders. Warum dann nicht einfach noch mehr Poesie wagen? 

Poesie ist die Fortführung des Lebens mit anderen Mitteln, Garbor. Nicht mehr und nicht weniger.“

Zeit anzufangen.


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