Kopf vs. Karussel

Kopf vs. Karussel

Auf der Kirmes steht Garbor vor dem Kettenkarussel und sieht den Kindern beim Einsteigen zu. Der Dünne winkt ihm zu, dreht sich um und klettert auf einen der Schalensitze. Garbors Schlumpfeis schmilzt, läuft an der Waffel herab und tropf wie in Zeitlupe auf den Boden, während die Sicherungsstäbe laut hörber zuklappen. Das Karussel fängt leise an zu surren und nimmt Fahrt auf. Der Wind in den Haaren der Kinder ist spürbar, das Gekreische fängt an, das Karussel wird schneller. Von hinten kommt Garbors Vater und legt behutsam seine Hand auf seinen kleinen Kopf.

‚Lass uns gehen, Garb, wird spät und Mama wartet sicher schon auf uns.‘

‚Das geht leider nicht.‘

‚Warum?‘

Die eisernen Sitzschalen des Karussels lösen sich alle gleichzeitig und fliegen von den Ketten. Die Menschen um sie herum fangen an zu schreien und in alle Richtungen zu rennen. 

‚No one here gets out alive.‘

Garbor wacht auf. Draußen wird es langsam dunkel. Endlich. Das Flauschekrokodil liegt auf dem Kopfkissen neben ihm und schnracht ganz leicht, ganz leise. Er steht auf, geht ins Bad und trägt das dicke, schwarzen Makeup unter den Augen auf. Es macht keinen Sinn sich selber länger zu untersuchen. Er weiß, dass er jeden Tag den er hier ist grauer wird. Also Hose, Hemd, Schuhe an und raus aus dem Zimmer. Auf den Gang, die kleine gewundene Treppe hinunter und durch die Galerie auf den Balkon vor dem Restaurant.

„Guten Abend, Herr Garbor. Gulasch und Wein oder direkt Gin Tonic und Oliven?“

„Gin Tonic, Morten, danke.“

„Gehen sie ruhig schon raus, kommt sofort.“

Und das ist genau das was Garbor macht. Er geht hinaus, saugt die Kühle Luft ein Geht der Tag vorbei, fängt er an zu schreiben. Wenn er tagsüber schreibt hat er Angst, dass jemand fragt.

„Wie läuft es denn?“

„Gut.“

„Kann ich mal was sehen?“

„Nein.“

„Schreibst du auch über uns?“

„Ja.“

„Na, ich lass dich mal.“

„Tschaukakau.“

Das einzige Problem mit dem Schreiben ist die Angst. Nicht vor den Ideen, nicht vor der Sprache, nicht vor den Charakteren. Nicht vorm Kern oder vor der Dramaturgie. Nicht mal vorm Ende. Denn: alle verkacken das Ende. Nicht, dass das nicht alles schwer wäre. Klar ist Schreiben schwer. Aber das ja das Abenteuer daran. Wäre ja nicht schön, wenn es popeleinfach wäre, oder? Das Einzige wovor er wirklich Angst hat: An sich selbst scheitern. Wovor sollte man auch sonst Angst haben?

Eingeschlafen, aufgestanden.
Aus dem Hotelzimmer auf den Gang.
Flokati an den Wänden, Unschuld an den Händen.

Triff mich da, wo ich nicht bin.
Wenn alles nichts ergibt, noch immer Sinn.
Will weiter wandern, doch wohin?
Wo keiner ist, da geh ich hin.

Langsam, langsam. 
Und ich, ich, ich.
Ich hab nichts mit mir selbst gemein. 

Five to one, baby
One in five
No one here gets out alive.

 


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